Dienstag, 17. Januar 2017

Kälte und Angst lassen Frankreich zittern

Derzeit herrschen grausame Minus-Temperaturen in Frankreich, die Bevölkerung dreht die beliebten elektrischen Heizungen auf Hochtouren und verursacht damit auch noch die Angst, dass plötzlich das ganze Stromnetz kollabieren könnte. Diese Woche wird das Thermometer in Frankreich nicht über 0 Grad klettern. Das für die Stromnetze verantwortliche Unternehmen RTE gibt bekannt, dass man sich einem historischen Höchststand beim Elektrizitätsverbrauch nähere. Und das zu einer Zeit, in der 5 Atomkraftwerke wegen Sicherheitsmängel abgeschaltet sind. RTE bezeichnet die Situation als fragil, rechnet aber nicht mit Zusammenbrüchen im Stromnetz. Man werde Strom aus den Nachbarländern importieren, vorsorglich die Versorgung von 21 Industrieanlagen mit extrem hohen Stromverbrauch abschalten und die Spannung im Netz verringern.

Ein wichtiger Grund für den Notstand sind die vielen stromfressenden Elektroheizungen in Frankreich. In den glorreichen Zeiten der Atomenergie, in denen man in Frankreich vom überall vorhandenem und kostengünstigen Strom aus diesen Anlagen träumte, wurden die Menschen geradezu ermutigt auf Elektroheizungen zu setzen. Effizienz spielte dabei keine Rolle, denn die Atomenergie hielt man für unendlich. Seit 2012 gibt es ein Gesetz, das dem Einbau von Elektroheizungen entgegenwirken soll, aber der größte Teil des Gebäudebestandes im Land ist noch völlig unterversorgt mit Wärmedämmung und effizienten Heizsystemen.

Die Webseite “Reporterre” schreibt dazu:
“Wir zahlen heute für irrationale Entscheidungen”, schätzt Marc Jedliczka, Sprecher des Expertenverbandes für Energie, Negawatt. Frankreich hat einen sehr besonderen Energiemix. “Wir haben ein Strukturproblem: Man hat sich für die Atomkraft entschieden, eine Energie, die dazu gedacht ist so lange wie möglich im Jahr vorhanden zu sein, und zur selben Zeit haben wir Elektroheizungen, die für einen Spitzenverbrauch im Winter sorgen. Das ist irre!”, fährt er fort. Schon 2009 hat Negawatt festgestellt, dass der hohe Elektrizitätsverbrauch im Winter auf die Elektroheizungen zurückzuführen ist, und sie haben gleichzeitig darauf hingewiesen, dass von 1996 bis 2009 die Zahl der mit Elektroheizungen ausgestatteten Wohnungen sich fast verdoppelt hat und gleichzeitig hat. “Das Resultat ist, dass wir sobald es kalt ist, einen Basar haben” fasst Jedliczka zusammen.

Die Atombefürworter sehen das gerade als Grund, dass man noch mehr AKW’s bauen müsse. Die französische Gesellschaft der Nuklearenergie (SFEN) ist der Ansicht, dass die Kälte gerade zeige, dass wir noch mehr Atomkraft bräuchten. Damit würde man auch die klimaschädliche Kohlewirtschaft abschaffen. SFEN spricht sich auch weiterhin für die Elektroheizungen aus. Die Gegner halten deren Argumente für heuchlerisch, denn man kaufe jetzt für teures Geld Strom in Deutschland, der von Kohlekraftwerken stamme. Zugleich würden die fünf in Frankreich noch existierenden Kohlekraftwerke auf Hochtouren laufen. Ein Atomkraftwerk könne nicht schnell abgeschaltet und wieder hochgefahren werden.

“Reporterre” zieht folgende Schlussfolgerungen:
Die einzige Lösung nach Ansicht der Experten wäre, den Verbrauch von elektrischer Energie zu senken. Ein guter Anfang sei gemacht worden, dass man seit 2012 die Installation von Elektroanlagen in Neubauten nicht mehr fördere. Für die Altbauten, die überwiegende Mehrheit der bestehenden Gebäude, sieht das Gesetz zur Energiewende ein Programm energetischer Sanierung von Wohnungen vor. “Aber man muss hier wesentlich schneller vorgehen, mehr Mittel einsetzen und herausforderndere Kriterien haben”, fügt Mar Jedliczka hinzu.
Aus seiner Sicht erinnern die Unternehmen der erneuerbaren Energien daran, dass es auch andere Möglichkeiten des Heizens gebe. Zum einen der gute alte Holz-Kachelofen, die thermische Solarenergie und die Wärmepumpen. Diese Art des Heizens haben den Vorteil die Stromrechnung zu senken und auf mittlere Sicht zu Ersparnissen beizutragen. Und so könne man auch gegen die Energie-Armut vieler Haushalte kämpfen.

Informationsquelle
Face à la vague de froid, le nucléaire se révèle inadapté