Direkt zum Hauptbereich

Das Massaker von Manaus und die nicht enden wollende Spirale der Gewalt

Die Tagesschau berichtete am 2. Januar:
“In der brasilianischen Stadt Manaus sind bei einer Gefängnisrevolte mindestens 50 Häftlinge getötet worden. Das teilten die Behörden des Bundesstaates Amazonas mit. Mehrere Opfer seien geköpft worden, sagte Sicherheitssekretär Sérgio Fontes dem Nachrichtenportal G1. Er sprach von einem "Massaker". Zwölf Gefängniswärter seien zeitweise als Geiseln genommen worden - ob auch hier Opfer zu beklagen sind, ist im Moment nicht klar.
Die Meuterei in dem Gefängnis begann am Sonntag, als rivalisierende Drogenbanden aneinander gerieten. Diese Banden haben offensichtlich auch in den Gefängnissen noch großen Einfluss. Am Montag konnten Sondereinheiten wieder die Kontrolle über die Haftanstalt übernehmen. Brasilianische Medien berichten zudem, dass Häftlinge das Chaos zur Flucht nutzen konnten.”

Der brasilianische Journalist und Politikwissenschaftler schreibt in seinem Blog dazu folgendes:
Das Massaker im Gefängniskomplex Anisio Jobim, in Amazonas, schockiert. Aber das sollte es nicht.
Nein, ich verteidige nicht das idiotische Gerede des “ein guter Bandit ist ein toter Bandit”.
Ich erinnere aber daran, dass das brasilianische Strafvollzugssystem eine scharfe Bombe ist, die nur auf Grund eines Wunders bisher nicht explodierte.
Es gibt nur immer wieder Brandherde, wie die 111 Toten in Carandiru, die Enthaupteten von Pedrinhas, die 56 vom Anisio Jobim.

Wenn es wieder eine Explosion gibt, dann verlangt das Schutzgefühl nach höheren Mauern, Elektrozäunen, Video-Überwachung und privatem Wachpersonal und plötzlich erkennt man, was das in Wirklichkeit ist: Eine Art des Selbstbetruges.

Der Staat, der damit protzt einen Jugendlichen, der mit einer Flasche Desinfektionsmittel an einer Demonstration teilgenommen hat, unter Kontrolle gebracht zu haben, ist nicht in der Lage kriminellen Banden oder Polizeimilizen, die aus den Strukturen des Staates kommen, ein Ende zu bereiten.
Das würde nämlich bedeuten, dass strukturelle Änderungen im Strafvollzug und in der Justiz vorgenommen werden müssten, aber auch eine Entkriminalisierung von Drogen wie Marihuana, da deren Strafbarkeit für die Inhaftierung vieler Menschen verantwortlich ist. Man fängt als Verkäufer von Drogen an und endet als Profi für Verbrechen gegen das Leben.
Die ganze Ausweitung des Drogenmarktes ist konfliktbeladen. Wenn die Konkurrenz aggressiv ist und an einen Punkt gelangt, an dem ein friedliches Zusammenleben nicht mehr möglich ist, kann man sich an die Justiz wenden, die entscheiden wird, wer Recht hat. Aber was machen, wenn man in einem illegalen System lebt, dazu verurteilt durch die eigene Justiz?
Die Lösung ist, die größere kriegerische Macht zu haben, um seine Ansichten gegen die anderen Banden, gegen die Polizei, gegen die Bewohner bestimmter Gemeinden durchzusetzen. Man muss das Territorium kontrollieren. Je mehr Territorium eine Gruppe besitzt, um so mehr Verkaufsstellen hat sie.

Gefängnisse sind keine Orte der Resozialisierung, mehr Orte an denen menschliche Wesen in überfüllte Räume gestopft werden unter menschenunwürdigen Umständen, deren Ziel es ist, den Hass, der dort gegen den Rest der Gesellschaft geschürt wird, zu vermehren und so die Kriminalität noch zu multiplizieren. Es ist offensichtlich, die Gefängnisse sind Orte der Auseinandersetzungen über die Kontrolle von Territorien und die Macht über diese Territorien.
Die Politik der öffentlichen Sicherheit ist einfach: Entweder ist es ein Gefängnis unter der Verantwortung der öffentlichen Macht oder eines teilprivatisierten Unternehmens, wer aber befiehlt, das sind die kriminellen Banden, die es dort drin gibt.

Seit es die Nachrichten über das Massaker im Gefängnis von Manaus in den sozialen Netzwerken gibt, haben viele Leute einen mehrfachen Orgasmus. Sie jubelten, als sie erfuhren, dass Körper von Verurteilten zusammengeschlagen und Köpfe abgeschlagen wurden. Sie gerieten in Trance angesichts des verspritzten Blutes.
Es interessiert nicht, ob die Toten durch die Hände anderer Banditen, des eigentlichen Staates, von Polizeimilizen oder  durch die Bevölkerung, die sich in einer durchgeknallten Meute versammelt hat, umgekommen sind. Die Hauptsache ist, dass sie tot sind.
Es befremdet demzufolge nicht, dass ein gute Teil der Gesellschaft, der schreit, dass “ein guter Bandit ein toter Bandit ist” auch zu denen von 9 von 10 gehört, die einverstanden sind, dass die Strafmündigkeit auf 16 Jahre reduziert wird. Sie sterben dann halt noch früher.
Ein großer Teil der Bevölkerung, in Panik versetzt durch den Angst-Diskurs, mehr noch als durch die Gewalt an sich, hat sich an die traurige Option gewöhnt, im Rechtsstaat nur noch etwas Ekliges zu sehen. Das kommt von der langen Prozessdauer und von der Gelegenheit für Kanaillen abzuhauen oder von den Sprüchen “vom Banditen ernähren” in den Gefängnissen.
Man soll sie mit einem Schuss erledigen, am besten in den Nacken, um keine Kugel zu verschwenden, oder den Banden übergeben, damit sie selbst das auf eigenem Konto erledigen.
Das was idiotische Politiker, unverfrorene Fernsehmoderatoren und die Strukturen, die sich an die Gewalt als unseren sozialen Zement klammern (wie in manchen Familien, manchen Kirchen, manchen Schulen und manchen Kommunikationsmedien), schaffen, ist ein Pflaster, das schwer von heute auf morgen aufgebrochen werden kann.

Aber, wie ich schon sagte, wir müssen durchhalten.
Indem wir die Hinrichtung von Personen, die unter dem Schutz des Staates stehen, kritisieren, verteidigen wir nicht den “Banditen”, aber sehr wohl einen Pakt, den die Mitgliedern der Gesellschaft untereinander geschlossen haben, um miteinander in Frieden leben zu können.
Wenn ihr unfähig seid, für so etwas Empathie zu empfinden, dann schlage ich folgendes vor: Verteidigt Lösungen, die auf eine Garantie für die Würde für alle Beteiligten hinauslaufen. Für euch selbst und für eure Familie.
Denn in der Stunde, in der die Bombe tatsächlich explodieren wird, wird es keinen Ort mehr geben wo man sich zu verstecken kann.

Siehe auch
Brasilianische Gefängnisse sind die Hölle auf Erden
Gerechtigkeit in Brasilien: Vorbeugehaft für Obdachlose, Straflosigkeit für Vermögende
Stadt gegen Land, eine blutige Bilanz in Brasilien
5.000 sitzen im Gefängnis und wissen nicht warum
Ein staatlich geduldeter Vorhof zur Hölle
Neuer Rekord bei der Gefängnispopulation in Brasilien und keine Besserung in Sicht
Käfighaltung von Jugendlichen in Brasilia soll endlich verschwinden

Informationsquelle
Massacre de Manaus: Os presos acenderam o pavio, mas o país armou a bomba, por Leonardo Sakamoto

Beliebte Beiträge

7 Gründe warum man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte

Journalistin Laura Stefanut von der Webseite “Romania Curata” hat 7 Gründe dafür gefunden, dass man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte. Sie spricht zwar von Einwanderern, aber tatsächlich geht es um Flüchtlinge. Die Situation sieht für diese so aus:

Rumänien ist ein Land, aus dem Millionen Auswanderer nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Es ist aber kein Land, in das man auswandert. Gegenwärtig gibt es etwa 60.000 Einwanderer von außerhalb der EU im Land. Forscher der Sozialwissenschaften warnen, dass Rumänien auf eine schnelle demographischen Überalterung zusteuert, das viele Vorteile aus der Integration von Einwanderern ziehen könnte. Aber trotz aller Warnungen und Forschungen hat der Staat wenig sinnvolles in diese Richtung getan. Vor kurzem gab es Nachrichten über 2 Flüchtlinge, die aus Versehen in Rumänien gelandet waren und anfingen zu weinen als sie merkten, wo sie waren. Leider, das bestätigen die Forschungen, ist Rumänien kein gutes Z…

In Treue fest zum Atom

Der spanische Industrieminister macht es sich leicht. Ein paar Tage vor dem Unglück von Fukushima erklärte er: "Sich vor der Nuklearenergie fürchten ist wie vor der Sonnenfinsternis Angst haben".

María Teresa Domínguez, Sprecherin der Forums der spanischen Atomernergie erzählt 2009 in einem Interview: "Spanien hat 8 Atomkraftwerke, die auf höchstem Weltniveau bezüglich Verfügbarkeit und Betriebsbedingungen operieren." Keine Rede davon, dass die AKW Vandellos und Ascó schon Störfälle auf höchstem Niveau hatten. Frau Domínguez bedauert, dass die Nuklearenergie nur zu 8% zur Energieversorgung Spaniens beiträgt. Deshalb will sie daraufhin arbeiten, dass der spanische Strommix für die Zukunft einen Anteil von 30% an der Landesversorgung bekommt. Keine Angst wegen den Risiken? "Nein, die Risiken sind kontrollierbar. Ich sage das, weil ich Technikerin bin und auf dem Gebiet der Sicherheit der Atomkraftwerke arbeite. Aber das sage nicht nur ich, sondern das ist auch …

Die Betontürme von Barcelona: Auch Betonschrott macht anhänglich

Wer von den höheren Positionen der Collserola auf Barcelona hinunterblickt, dessen Blick bleibt bald an 3 Türmen im Nordosten von Barcelona hängen. Diese drei Türme, die an der Mündung des Flusses Besós ins Meer liegen, gehörten zu einem konventionellen thermischen Kraftwerk, das in den 70er Jahren gebaut worden war. Seit 2011 ist dieses Kraftwerk stillgelegt. Es hatte zuvor kräftig zur Luftverschmutzung in Barcelona beigetragen. Es liegt nicht auf der Gemarkung der Stadt Barcelona, sondern der Vorortgemeinde Sant Adrià.

Drei Türme aus Beton dienten als Kamine über die die Abgase des Kraftwerks abgeleitet wurden. Beim Bau waren sie 90m hoch über den bereits 90m hohen Hochöfen gebaut worden, Es stellte sich heraus, dass in dieser Höhe die Abgase das Stadtklima beeinträchtigten und so wurden sie bis auf 200m erhöht. Sie übertrafen damit die Türme der Kathedrale Sagrada Familia, das Wahrzeichen von Barcelona. Man könnte sich vorstellen, dass ein solches hässliches Bauwerk als Verschande…

Beweisaufnahme auf brasilianisch oder wie man missliebige Politiker aus dem Verkehr zieht

Der ehemalige brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva, Spitzname Lula, wurde unter windigen Umständen durch die brasilianische Justiz daran gehindert für die nächsten Präsidentschaftswahlen zu kandidieren. "Am 12. Juli 2017 wurde Lula da Silva durch den Richter Sérgio Moro zu neun Jahren und sechs Monaten Haft wegen Korruption verurteilt. Er wurde für schuldig befunden, umgerechnet insgesamt fast 1,1 Millionen US-$ in Form von Bauarbeiten in seinem Appartement von der Firma Odebrecht im Gegenzug für vermittelte Geschäftskontrakte erhalten zu haben", schreibt Wikipedia. Unter großem Getöse und Beifall der Mehrheitspresse gelang es dem Richter Sergio Moro, Lula ins Gefängnis zu bringen. Dabei ging das Gericht recht locker bei der Feststellung der Bestechungssumme um und unterstellte Lula, der das immer abstritt, dieses ominöse Apartment geschenkt bekommen zu haben. Die Medien halfen dabei, die Wohnung als den Gipfel von Luxus hinzustellen, weil der tatsäc…

Frankreich ekelt sich vor seinen Schlachthöfen und empört sich über Tierquälerei

Massentierhaltung in Frankreich: 83% der Hühner werden in geschlossenen Ställen aufgezogen, 68% der Hennen und 99% der Kaninchen werden in Käfigen gehalten. 95% der Schweine fristen ihr kurzes Leben in geschlossenen Ställen auf Gitterrosten. Die Tiere werden nur als Handelsware gesehen, man verstümmelt sie (Kastration ohne Betäubung, Abschneiden der Schwänze oder der Schnäbel). Ihre Sterblichkeitsrate ist sehr groß, zum Beispiel sterben 20% der Schweine vor ihrer Schlachtung.

Industrielle Massentierhaltung wie in Deutschland auch. Das Tier wird nicht als Lebewesen gesehen, sondern nur als Handelsprodukt. Während in Deutschland die Konsumenten seit einiger Zeit ins Grübeln geraten sind und sich eine Bewegung gegen Massentierhaltung gebildet hat, hat man in Frankreich, das wir als Schlemmerland kennen, bisher beide Augen zugedrückt beziehungsweise die Verbraucher wollten nicht so genau wissen wie das Fleisch auf ihrem Teller gelandet ist. Zwar hat sich seit einiger Zeit ein…

Tsunami am Schwarzen Meer

Laut Bericht von "Romania Libera" von heute gabe es einen solchen 1901 im und am Schwarzen Meer (Marea Neagra). Damals verursachte ein Erdbeben an der bulgarischen Küste, 15 km unter dem Meeresboden einen 5m hohen Tsunami, von dem die bulgarische und rumänische Küste betroffen war. Die Rumänen nannten das "Valul ucigas" (Mörderwelle).

Grund für den Bericht von "Romania Libera" ist die Einweihung der neuen Erdbebenwarte (observatorului seismologic) in Eforie, nahe Constanta.

Rumänien ist stark erdbebengefährdet. Schuld ist der Vrancea-Graben, der in den Karpaten an der Stelle liegt, wo sich diese in ihrer Ostausrichtung nach Norden abknicken. Das letzte schwere Erdbeben liegt über 30 Jahr zurück, die "Siebenbürger Zeitung" beschreibt nochmals das damals Geschehene: "Am 4. März 1977 ereignete sich in Rumänien eines der schwersten Erdbeben der letzten Jahrhunderte. Mit einer Stärke von 7,2 auf der Richterskala und dem Epizentrum im Vrancea-Gebi…