Samstag, 6. April 2013

Skandal oder Fortschritt: Brasilianische Kinder dürfen länger die Schulbank drücken

Es gab vor nicht allzu langer Zeit in Brasilien Kinder, die statt die Schule zu besuchen, im Müll nach Essbarem suchten oder ein wenig Geld verdienten, indem sie in Supermärkten den Kunden die Tüten zu den Autos trugen. Wenn das neue Gesetz, das Anfang April 2013 im Gesetzblatt veröffentlicht wurde, nicht nur ein Papiertiger ist, dann beginnt jetzt für alle brasilianische Kinder eine neue Ära der Bildung.

Das jetzt erlassene Gesetz beruht auf einer Verfassungsänderung aus dem Jahre 2009 und es schreibt vor, dass Kinder mit 4 Jahren eingeschult werden müssen und die Schulpflicht bis zum Alter von 17 Jahren dauert. Alle Gemeinden und Bundesstaaten werden verpflichtet, bis 2016 den Kindern Plätze an den öffentlichen Schulen zu gewährleisten. Die Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder an den Schulen anzumelden. Sollten sie dies nicht tun, drohen ihnen Bussen. Wenn die Eltern fortdauernd ihre Pflicht verletzen können sie auch strafrechtlich belangt werden.

In Zukunft wird es drei Etappen der Schulausbildung geben: Vorschule/Kindergarten (educação infantil), Grundschule (ensino fundamental) und Sekundarschule (ensino médio). Bisher war nur der Besuch der Grundschule verpflichtend. Es wird eine schwere Aufgabe werden, allen brasilianischen Kindern einen Platz in der Vorschule zu garantieren. Nach statistischen Erhebungen aus dem Jahr 2010 konnten 1.154.572 Kinder von 4 bis 5 Jahren keine Vorschule besuchen. Kein Wunder, dass auch den verantwortlichen Behörden bei Nichtbefolgung des Gesetzes strafrechtliche Schritte wegen Schlamperei bei der Umsetzung angedroht werden.

Die Kommentare-Schreiber auf dem Internet-Portal UOL halten von dem neuen Gesetz scheinbar gar nichts. Ihre Kommentare werfen ein Licht auf die realen Verhältnisse an den brasilianischen Schulen oder zeigen ein völliges Unverständnis für Schulreformen. Zum Teil sind die Kommentare an Gehässigkeit bezüglich der erweiterten Schulpflicht nicht zu überbieten. Stellvertretend hier ein eher sachlicher Kommentar:

“Die Gesellschaft sollte endlich zu heucheln aufhören. Der Sekundarschulbereich in Brasilien ist Müll. Wir sollten nicht die Zeit, in der ein Kind in der Schule ist, erhöhen und deswegen glauben, dass sie besser ausgebildet oder erzogen werden, sondern wir sollten den Unterricht verbessern. Man braucht nur die verschiedenen Nachrichten über den Schulunterricht an den öffentlichen Schulen lesen: Jede einzelne davon ist ein Enttäuschung. Im Wahlkampf fragte ein Reporter einer Kandidaten der Partei PSDB warum er seine Kinder nicht in die öffentlichen Schule schicke, wenn der staatliche Unterricht nach seiner Meinung soll toll sei, sie hätten mal sein Gesicht sehen sollen. Der Schüler einer öffentlichen Schule kommt in die Schule als Analphabet und verlässt diese als funktionaler Analphabet, ohne zu wissen wie man richtig schreibt, was das wenigste wäre, was man von ihm erwarten kann. Er kennt nicht den Unterschied zwischen Morgen und Abend. Bücher, PCs, Tablets sind nicht alles, man muss auch verstehen sie zu nutzen. Die miserablen Gehälter, die man Lehrer zahlt, brauche ich gar nicht zu erwähnen, ein Feldarbeiter verdient mehr. Also, warum dann 2 Jahre Schule mehr?”


Informationsquelle

Lei obriga pais a matricular crianças a partir dos 4 anos na pré-escola – uol