Direkt zum Hauptbereich

Der Papst, Gaudí und die ungläubigen Spanier

Der Papstbesuch in Spanien ist vorbei und bei manchen Spaniern spürt man ein hörbares Aufatmen, dass er wieder weg ist. So auch beim Journalisten und Schriftsteller Manuel Vicent. Er blickt in einem Kommentar für die Zeitung "El Pais" noch einmal zurück auf die Eindrücke, die der Papst in Spanien hinterlassen hat.

Er beginnt mit einem Ausflug zu Gaudí und Barcelona und meint, dass es ein Glück war, dass dieser grosse Architekt nur wenig verwirklichen konnte, denn wohnen möchte man in dessen Gebäude nicht. Das gilt auch für die Kirche "Sagrada Familia", die vom Papst jetzt für den "touristischen Kirchgang" freigegeben worden sei. Apropos Papst: "Auf seinem Besuch in unser Land hat er sich wie ein schlecht erzogener Gast benommen. Du gibst ihm zu essen, bedenkst ihn mit einem Geschenk und anstatt, dass er dir dankbar ist, hebt er den Teppich hoch, um nachzusehen, ob du irgendwelchen Schmutz darunter gekehrt hast. Schon im Anflug begann Ratzinger den ungläubigen Spaniern Feuer zu geben, seinen Finger in das Auge der sozialistischen Regierung zu drücken. Eine Regierung, der es nicht gelungen ist, die Angst vor der Kirche abzuschütteln und die nichts anderes getan hat als ihr Geld zu geben, ohne auch die ihr zustehenden Rechte aus dem Konkordat wahrzunehmen. Es gibt kein Land auf der Welt, wo es mehr religiöse Feiertage, mehr Jungfrauen Maria, mehr Denkmäler, mehr Prozessionen, mehr Büsser, mehr leidende Christusse, mehr Eremiten, mehr Pilgerfahrten gibt. Trotz dieser Situation schlug der Papst auf den spanischen Antiklerikalismus ein, der so aggressiv sein soll, dass er meinte das Feuer des Bürgerkriegs von 1936 anfachen zu müssen. Die Kirchenmauern sind nicht dazu gebaut, die Gläubigen zu schützen, sondern dazu, dass sie nicht abhauen können. Im Hinblick darauf, dass die Kirchen heute leer sind, verlegte der Vatikan die Messen in die Stadien und Prachtstrassen mit der Ästhetik eines Rockkonzertes. Aber solche Massenansammlungen brauchen einen charismatischen Führer, der die Massen anzieht. So einer war Woityla. Ratzinger ist es nicht. Er ist ein Künstler darin, den Verstand mit dem Nichts zu verbacken, indem er Kuchenkartons mit Leere füllt. Aber mit theologischen Pirouetten füllt man keine Plätze, so wie es in Barcelona passiert ist. Das sollte sich der Heilige Geist das nächste Mal überlegen, wenn er seinen Repräsentanten aussucht." So das wenig erfreuliche Resumée von Manuel Vicent. Er kommt dann noch einmal auf die Katedrale "Sagrada Familia" von Gaudí zurück: "Der einzige Charme der "Sagrada Familia" ist, dass sie bisher unvollendet ist wie der Traum eines verrückten Genies vom mystischen Baum. Sie wird mit dem Geld aus dem Tourismus fertiggestellt werden und wenn alle Wände endlich stehen, gibt es darin keine anderen Personen mehr als japanische Touristen."

Die spanische Regierung plant ein neues Gesetzes über "religiöse Freiheit", dass sie vor dem Papstbesuch erst einmal auf Eis gelegt hat. Viele Spanier sind aber die ständige Rücksichtnahme auf eine im Vergangenen verharrende katholische Kirche leid. Es ist in der Tat so, dass Spanien von all seiner Symbolik her ein "erzkatholischer Staat" sein müsste. Die Realität seiner Bewohner entspricht diesem öffentlichen Bild bei weitem nicht mehr. Dieses Spannungsverhältnis zwischen einer reaktionären Kirchenführung und einer Bevölkerung, die nicht mehr von ihr terrorisiert werden will, wird die Diskussion um den laizistischen Staat in der nächsten Zukunft noch mehr verschärfen.

Siehe auch Blogbeitrag: Soll er doch kommen, der Ratzinger
Informationsquelle: El templo · ELPAÍS.com

Beliebte Beiträge

"Die Faschisten von Soros wollten mich lynchen"

Gabriela Firea ist Oberbürgermeisterin von Bukarest. Sie ist 43 Jahre alt und von Beruf Journalistin. 2012 wechselte sie in die Politik und wurde für die Partidul Social Democrat (PSD) in den rumänischen Senat gewählt. Im Juni 2016 wurde sie zur Oberbürgermeisterin von Bukarest gewählt. Inzwischen hat sie einen sehr hohen Beliebtheitsgrad in Rumänien und nach einer neueren Umfrage würden sie bei Präsidentschaftswahlen meht Stimmen bekommen als der derzeitige Amtsinhaber Iohannis.

Etwas rätselhaft ist diese Intention der Bevölkerung, denn in Bukarest ist Frau Firea nicht unbedingt beliebt. Sie hat bei den Wahlen viel versprochen und bisher wenig gehalten. Ein empörter Bukarester Bürger beschreibt die bisherige Erfolgbilanz von Frau Firea so: "Sie hat bisher nichts getan. Sie soll zurücktreten. Es gibt keine Parkplätze, der öffentliche Nachverkehr ist genauso schlecht wie bisher. Sie hat nichts von dem gehalten, was sie versprochen hat wie zum Beispiel Klimaanlagen in den öffentlic…

Wer versteht diese Theresa May?

Theresa May, die britische Premierministerin, gibt ein seltsames Bild ab. Sie war einmal gegen den Brexit und ist nun feurige Durchsetzerin des knappen Bürgervotums für den Brexit, eines Votums, das laut britischer Gesetzgebung nur beratenden Charakter hatte. "Brexit meint Brexit" war nun ihr ständiges Mantra und dann sah sie auch noch die Chance angesichts der zerstrittenen Labour-Partei durch aus opportunistischen Gründen schnell vorgezogene Wahlen eine überwältigende Mehrheit im Parlament zu bekommen. Jetzt lautet das Mantra, nur mit mir wird es eine "starke und stabile" (strong and stable) Regierung geben. Drei brutale terroristische Anschläge in kürzester Zeit stellen diesen Wahl-Spruch inzwischen vor eine Prüfung. Und hier sieht die Lage dann nicht mehr so gut aus. Sie war schließlich vor der Übernahme des Premierministeramtes 6 Jahre Innenministerin.

Es ist unklar, was sie eigentlich antreibt. Der Verdacht, dass es ihr nur um ihre eigene Karriere geht, dräng…

Brasilianer haben die Nase voll von ihrer Regierung: Diretas já!

Am vergangenen Sonntag kam es am Strand der Copacabana zu einer Großdemonstration, an der ungefähr 150.000 Personen teilgenommen hatten. Organisiert wurde die Demonstratien von vielen Bürgerbewegungen und von bekannten Künstler wie den Sängern und Musikern Caetano Veloso und Milton Nascimento. Das Ziel des Protestes ist es, das brasilianische Parlament zu einem Beschluss über eine Verfassungsänderung, der direkte Wahlen für das brasilianische Präsidentenamt ermöglicht, zu drängen.
Die brasilianischen Politiker hatten es geschafft, die legitim gewählte Präsidentin Dilma Rousseff unter windigen Gründen per Impeachment aus dem Amt zu putschen. Rousseff wurden haushaltsrechtliche Verfehlungen vorgeworfen. Nachfolger wird in einem solchen Fall laut brasilianischer Verfassung der Vizepräsident und das war Michel Temer. Inzwischen stellt sich heraus, dass Temer in Korruptionsskandale verwickelt ist und seine Position als Präsident wackelt bedenklich. Sollte auch er aus seinem Amt entfernt w…

Polizei auf Bettler-Jagd in Timisoara

Der OB von Timisoara / Temesvar, der Hauptstadt des rummänischen Banats, hat der eigenen Lokalpolizei vorgeworfen, dass Bettlerproblem in der Stadt nicht ausreichend zu bekämpfen. Das Zentrum der Stadt sei inzwischen beliebtes Ziel von Bettlern. Tags darauf haben die Gescholtenen beschlossen in Zivil auf Bettler-Jagd zu gehen.

Die Webseite deBANAT.ro berichtet über die Arbeit der Lokalpolizei:

Die Polizisten haben sich nach der Schelte sofort an die Arbeit gemacht und eine Razzia im  öffentlichen Nahverkehr vorgenommen. "Die Aktion erfolgte auf der Strecke Badea Richtung Nordbahnhof. Es wurden auch Strafen für die Tatsache des Alkoholkonsums, Bettlerei, Müllverursachung und anderes erlassen. Bereits im vergangenen Monat haben die Aktionen auf diesen Linien zur Festnahme von 81 Bettlern geführt, gegenüber denen gesetzliche Massnahmen angewendet wurden, aber leider kommen diese Personen immer wieder auf die Straße zurück", erklärte der Verantwortliche der Lokalpolizei. Er erkl…

Großbritannien, das zerstrittene Königreich, auf den Spuren Griechenlands

Das Vereinigte Königreich (UK) verlässt die EU. Nach dem Brexit-Referendum hatten die regierenden Konservativen  um Premierministerin May entdeckt, wie toll ein solcher Abschied vom europäischen Kontinent ausgehen könnte. Ungeahnte Möglichkeiten würden dem Land in der weiten Welt winken, die nur darauf warte, mit den Briten ins Geschäft zu kommen. Realistischerweise hat Premierministerin May schon einmal erklärt,  dass das nur funktioniere, wenn das Land zu einer Steueroase à la Panama umgebaut werde.

Die EU schien in dieser Zukunftphantasie keine Rolle zu spielen,  obwohl sie doch der größte Handelspartner des Landes ist. In einem Anflug von völliger Betriebsblindheit setzte May noch Neuwahlen an, weil man ihr eine überwältigende absolute Mehrheit prognostizierte. Das ging dann gründlich schief und jetzt steht Großbritannien ratlos vor einem Scherbenhaufen. Plötzlich kommen auch Bedenken auf, ob ein knallharter völliger Abschied von der EU tatsächlich für Großbritannien positiv sein…

Das Besondere an der Korruption in Spanien

Von osteuropäischen Ländern sind wir eine offensichtliche Korruption gewöhnt. Hier besticht jeder jeden, der ihm/ihr etwas zu bieten hat. Der Verkehrspolizist lässt bei Geschwindigkeitsüberschreitungen oder Falschparken die Sünder laufen, wenn man ihm einen Schein in die Hand drückt.  Im Krankenhaus sind Pflegekräfte und Ärzte besonders motiviert, wenn sie mit Zugaben gefüttert werden. In Spanien ist das ein bisschen anders. Die Korruption ist hier versteckter. Beamte machen sich nicht die Hände schmutzig. Wenn man von ihnen was haben will, muss man auch für banale Dinge einen Vermittler, den "Gestor", einschalten. Der teilt sich dann sein Einkommen mit dem Beamten. Wer im öffentlichen Dienst nicht so viel zu bieten hat, ist eher nicht korrupt. Dagegen kennt die Korruption im Kreise der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik keine Grenzen und wurde bisher als selbstverständlich angesehen und vom Volk so hingenommen.

Die derzeitige Regierungspartei Partido Popular hat da ein r…