Sonntag, 14. November 2010

Der Papst, Gaudí und die ungläubigen Spanier

Der Papstbesuch in Spanien ist vorbei und bei manchen Spaniern spürt man ein hörbares Aufatmen, dass er wieder weg ist. So auch beim Journalisten und Schriftsteller Manuel Vicent. Er blickt in einem Kommentar für die Zeitung "El Pais" noch einmal zurück auf die Eindrücke, die der Papst in Spanien hinterlassen hat.

Er beginnt mit einem Ausflug zu Gaudí und Barcelona und meint, dass es ein Glück war, dass dieser grosse Architekt nur wenig verwirklichen konnte, denn wohnen möchte man in dessen Gebäude nicht. Das gilt auch für die Kirche "Sagrada Familia", die vom Papst jetzt für den "touristischen Kirchgang" freigegeben worden sei. Apropos Papst: "Auf seinem Besuch in unser Land hat er sich wie ein schlecht erzogener Gast benommen. Du gibst ihm zu essen, bedenkst ihn mit einem Geschenk und anstatt, dass er dir dankbar ist, hebt er den Teppich hoch, um nachzusehen, ob du irgendwelchen Schmutz darunter gekehrt hast. Schon im Anflug begann Ratzinger den ungläubigen Spaniern Feuer zu geben, seinen Finger in das Auge der sozialistischen Regierung zu drücken. Eine Regierung, der es nicht gelungen ist, die Angst vor der Kirche abzuschütteln und die nichts anderes getan hat als ihr Geld zu geben, ohne auch die ihr zustehenden Rechte aus dem Konkordat wahrzunehmen. Es gibt kein Land auf der Welt, wo es mehr religiöse Feiertage, mehr Jungfrauen Maria, mehr Denkmäler, mehr Prozessionen, mehr Büsser, mehr leidende Christusse, mehr Eremiten, mehr Pilgerfahrten gibt. Trotz dieser Situation schlug der Papst auf den spanischen Antiklerikalismus ein, der so aggressiv sein soll, dass er meinte das Feuer des Bürgerkriegs von 1936 anfachen zu müssen. Die Kirchenmauern sind nicht dazu gebaut, die Gläubigen zu schützen, sondern dazu, dass sie nicht abhauen können. Im Hinblick darauf, dass die Kirchen heute leer sind, verlegte der Vatikan die Messen in die Stadien und Prachtstrassen mit der Ästhetik eines Rockkonzertes. Aber solche Massenansammlungen brauchen einen charismatischen Führer, der die Massen anzieht. So einer war Woityla. Ratzinger ist es nicht. Er ist ein Künstler darin, den Verstand mit dem Nichts zu verbacken, indem er Kuchenkartons mit Leere füllt. Aber mit theologischen Pirouetten füllt man keine Plätze, so wie es in Barcelona passiert ist. Das sollte sich der Heilige Geist das nächste Mal überlegen, wenn er seinen Repräsentanten aussucht." So das wenig erfreuliche Resumée von Manuel Vicent. Er kommt dann noch einmal auf die Katedrale "Sagrada Familia" von Gaudí zurück: "Der einzige Charme der "Sagrada Familia" ist, dass sie bisher unvollendet ist wie der Traum eines verrückten Genies vom mystischen Baum. Sie wird mit dem Geld aus dem Tourismus fertiggestellt werden und wenn alle Wände endlich stehen, gibt es darin keine anderen Personen mehr als japanische Touristen."

Die spanische Regierung plant ein neues Gesetzes über "religiöse Freiheit", dass sie vor dem Papstbesuch erst einmal auf Eis gelegt hat. Viele Spanier sind aber die ständige Rücksichtnahme auf eine im Vergangenen verharrende katholische Kirche leid. Es ist in der Tat so, dass Spanien von all seiner Symbolik her ein "erzkatholischer Staat" sein müsste. Die Realität seiner Bewohner entspricht diesem öffentlichen Bild bei weitem nicht mehr. Dieses Spannungsverhältnis zwischen einer reaktionären Kirchenführung und einer Bevölkerung, die nicht mehr von ihr terrorisiert werden will, wird die Diskussion um den laizistischen Staat in der nächsten Zukunft noch mehr verschärfen.

Siehe auch Blogbeitrag: Soll er doch kommen, der Ratzinger
Informationsquelle: El templo · ELPAÍS.com