Samstag, 20. November 2010

Brasilien denkt heute schwarz

Heute feiert Brasilien den "Dia da Consciência Negra". Es ist der Tag, an dem alle Brasilianer darüber nachdenken sollen, dass ihr Staat nicht nur aus der weissen Bevölkerung besteht, sondern fast die Hälfte afrikanische Wurzeln hat. Inzwischen gibt es ein grosses Rassengemisch und der echte schwarze Mensch ist selten. Aber Brasilien wird eindeutig von der weißen Rasse dominiert. Sie hat das Sagen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Gleichberechtigung der schwarzen und gemischtrassigen Bevölkerung steckt immer noch in den Kinderschuhen. Auf dem Gebiet der Integration geht mit leuchtendem Beispiel die Bundesuniversität von Brasilia vor. Sie hat inzwischen Quoten für die Zulassung nichtweißer Studenten erlassen. Sie war auch die erste Universität in Brasilien, die ein Zentrum für Afro-Brasilianische Studien (Núcleo de Estudos Afro-Brasileiros) eingerichtet hat. Hier können die Studenten Kurse über die Geschichte und Kunst der Afro-Brasilianer besuchen.

Der Leiter des Zentrums, Professor Nelson Olokofá Inocêncio, nahm in einem Gespräch zum heutigen Gedenktag Stellung und beschrieb den derzeitigen Stand der Rassengleichheit in Brasilien. Seiner Ansicht nach muss Brasilien sich ändern, es müsse den bestehenden Rassismus zur Kenntnis nehmen und eine öffentliche Politik betreiben, die nicht nur die bestehende Ungleichheit vermindere, sondern eine tatsächliche Gleichheit herstelle.

Zum derzeitigen Stand der Rassengleichheit in Brasilien führte er aus: " Ich kann nicht sagen, dass wir ideale Bedingungen haben, aber es wäre auch übertrieben zu sagen, dass es keinen Fortschritt gibt. Wenn man behaupten würde, dass es keinen Fortschritt gibt, würde man auch die Bedeutung der schwarzen Bewegung innerhalb der letzten 30 bis 40 Jahre im Kampf für soziale Änderungen nicht zur Kenntnis nehmen. Es gab einen bedeutenden Fortschritt. Erstens, ein Präsident der Republik erklärte öffentlich, dass es in Brasilien Rassismus gibt. Es war Präsident Fernande Henrique gegen Ende seiner zweiten Amtszeit. Dies war ein Markstein für die brasilianische Kultur. Bis zu diesem Zeitpunkt sah der Staat keine Notwendigkeit, sich für die Diskrimierung der schwarzen Bevölkerung verantwortlich zu zeigen. Danach kam Luiz Inácio [Lula da Silva], dem es gelang einige wichtige politische Entscheidungen zu treffen, wie die Gründung des Seppir (Secretaria Especial de Políticas de Promoção da Igualdade Racial; Staatssekretariat für die Förderung der Rassengleichheit) und die Inkraftsetzung des Gesetzes, das den Unterricht der Geschichte und Kultur der Schwarzen zur Pflicht machte. Und was noch wichtiger ist, es gelang ihm die Debatte über die Beziehungen zwischen den Rassen auf die Tagesordnung zu setzen. Das ist ein Erfolg. Wer die früheren Jahrzehnte erlebt hat, die Jahrzehnte zum Ende des 20. Jahrhundertts, der weiß wie schwierig es war, dieses Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Heute ist die Debatte über den Rassismus nicht mehr wegzudenken." Und er fügt hinzu: "Wir können den Rassismus nur als etwas schrechliches begreifen, wenn wir erkennen, dass es schwarzen Menschen nicht gelingt, wichtige öffentliche Ämter zu bekleiden. Eine der schrecklichsten Seiten des Rassismus war, zu behaupten, dass schwarze Menschen den Weissen intelektuell unterlegen sind. Das ist für mich eine vorrangige Angelegenheit, das Gebiet der Bildung und das der Macht. Es ist äusserst wichtig, dass die Schwarzen hier und jetzt zeigen, dass sie genauso sind wie andere auch und dass sie genauso auch respektiert werden müssen."

Wie sehr oft der Respekt vor den schwarzen bzw. farbigen Brasilianern noch fehlt, zeigt ein Vorfall an der Bundesuniversität von Brasilia vom heutigen Tag. In der Universität wurden Plakate zum heutigen Gedenktag beschmutzt und angespuckt. Der Vorfall sorgte für erhebliche Aufregung unter der Leitung der Universität und den Studenten. "Ein solche niedriges Niveau der Intoleranz ist ein Angriff auf uns alle“, erklärte ein Student.

Jornal do Brasil - País - Dia da Consciência Negra: equidade para superar desigualdade, afirma professor