Mittwoch, 14. Januar 2015

Zynismus muss man nicht erklären oder Vorurteile unter dem Deckmantel der Satire

Silvia Pilz ist Kolumnistin bei “O Globo”, eine der größten Tageszeitungen Brasiliens. Sie verfasste vor kurzem einen Meinungsartikel mit dieser Erläuterung: “Achtung: Ätzender Humor verliert seinen Reiz, wenn er erklärt werden muss. Wenige haben Spaß und viele fühlen sich beleidigt. Das war nicht die Absicht.”

Frage ist, ob man das, was Frau Pilz schreibt, überhaupt als Humor bezeichnen kann. Damit der Leser eine Entscheidung treffen kann, hier die Übersetzung ihres Artikels über Arme im Gesundheitswesen Brasiliens:

“Alle Armen haben Probleme mit dem Blutdruck. Sei es tatsächlich oder nur eingebildet. Das ist eine beeindruckende Sache. Und alle haben eine Faszination dafür, ihren Blutdruck ständig zu messen. Der Arme, der bei der Totenwache in Ohnmacht fällt, hat zu niedrigen oder hohen Blutdruck. Bei Churrascos nicht. Gegenwärtig mit den Möglichkeiten des Gesundheitsplanes ist die Durchführung von ärztlichen Untersuchungen ein hervorragendes Programm. Komplettes Blutbild, Röntgenbild der Lunge, MRT, Ultraschall der vollen Blase. Es passiert, dass der Arme – normalerweise – behauptet, dass er, wenn er nicht seinen Morgenkaffee nimmt, eine Abfall des Blutdrucks erleidet. Da für eine komplette Blutuntersuchung 8 bis 12 Stunden Nüchternheit verlangt wird, kommt der Arme, immer gut angezogen, sehr früh ins Labor, meldet sich schon vor Aufregung schwitzend (eine Mischung von Angst und Vergnügen, wie wenn er das erste mal ein Flugzeug betreten würde) an und ist ganz versessen auf den Imbiss, den ihm das Labor gratis nach der Blutentnahme verabreichen wird. So muss die Umgebung sein: Ein Stockwerk glänzend wie Porzellan, Klimaanlage. Fernsehen verbunden mit GLOBO, uniformiertes Personal. Der Arme wird sich vermutlich wie in einem Roman fühlen.
Normalerweise zieht man sich anständig an, wenn man zu den Ärzten und Labors geht. Es ist üblich, Kinder und Babys mit riesigen Schleifen auf dem Kopf zu sehen, die mit Tennisschuhen angezogen auf dem Schoss ihrer Mütter mit glattem Haar (weil es gegenwärtig in Brasilien keine Personen mit gelocktem Haar gibt) sitzen mit einem deutlichen Bauch in einem viel zu engen Hemd.
Der Arme muss eine Krankheit haben. Probleme mit der Schilddrüse sind zum Beispiel Mode. Das ist fast schick. Vor kurzem sah ich eine Sendung von GLOBO, sie hieß “Wohlbefinden”. Die Moderatorin klebt Sachen auf eine Tafel, indem sie teilt zwischen dem, was gut tut und dem was schlecht ist, jeweils abhängig vom Fall, der vorgestellt wird. Der Normalfall ist üblicherweise der Zweifel eines Armen. Fälle des Typs “ich habe eine Zyste am Eierstock und ich möchte wissen, ob ich schwanger werden kann”. Denn die große Sorge des Armen ist die Fortpflanzung. Die Sendung ist ein Bildungsprogramm, das sogar unterhaltsam ist. Um auf die Blutuntersuchung zurückzukommen: Es ist der Mühe wert, sich zu erinnern, dass jeder Arme blöd wird, wenn man ihm das Blut abgenommen hat. Er versucht an dem Tag nicht zu arbeiten. Macht ein Drama, bleibt im Bett.
Ich glaube, dass es der Traum vieler Armer ist, einen Knoten zu haben. Ein Fortschritt der Medizin – der mir Furcht einflößt, denn ich möchte nicht 120 Jahre alt werden – eroberte das Herz der finanziell Minderbemittelten. Es ist eine Art “Glamourisierung” der Krankheit. Er macht eine Untersuchung, wartet auf das Resultat, betet, dass der Knoten kein Krebs ist. Erzählt das der gesamten Familie, zeigt die Operationsnarbe.
Ich glaube, dass ich kein Dienstmädchen kenne, die nicht ständig an Ischias leidet. Ah! Sie haben auch Cholesterol und behaupten “es mit den Nerven zu tun zu haben”, wenn der Arzt es wagt zu sagen, dass ihr Problem rein emotional ist.
Was mich fasziniert ist, dass ihr Interesse nur der Diagnose gilt. Die Behandlung ist nachrangig, abgesehen davon, dass sie auch eine gewisse Faszination für Tabletten haben.
Auch mit “Cholestorol” essen sie weiterhin Krabbenkuchen mit Käsecreme (es gibt keinen Armen auf dieser Erde, der nicht von Krabben fasziniert sind) und am Wochenende füllt sich alle Welt das Maul mit Churrasco zur Melodie “das Leben soll mich forttragen, das Leben lebe ich” bei einer Hitze von 48 Grad.
Wie glücklich sind sie. Sabbernd vor Neid.”

Soweit zum Humor von Frau Pilz. Mit ihrer Warnung am Kopf und Ende des Artikels möchte sich natürlich gerne vertuschen, dass ihr Humor eine Sauerei ist. Es geht wieder einmal um die Verbreitung von Verallgemeinerungen und Vorurteilen gegen eine Gruppe in der Gesellschaft: Hier sind es die Armen. Man kennt die Leier ja: “Die Juden, die Islamisten, die Rumänen, die Zigeuner usw.” Hier soll eine große Bevölkerungsgruppe Brasiliens unter dem Deckmantel eines “ätzenden Humors” beschimpft werden.

Nein danke, das dachte sich Davison Coutinho, Bewohner der Favela von Rocinha in Rio de Janeiro und meldete sich in der Zeitung “Jornal do Brasil” zu Wort. Hier seine Meinung:
Ich weiß nicht, ob ich einen derart vorurteilsbeladenen Text schon einmal gelesen habe. Ich schäme mich, dass es in unserer Gesellschaft Personen (ich weiß nicht, ob man sie als Personen bezeichnen kann), die ein solches Gedankengut haben, gibt. Es ist noch schlimmer: Sie reden so wie wenn sie recht hätten. Was mich noch mehr beschämt ist, dass eine so wichtige Zeitung einen solch vorurteilsbeladenen Text druckt, in der sie ihre Wut über Personen, die nicht so begünstigt sind, zeigen kann und sie benutzt die üblichen negativen Sprüche über die Armut.
Diese Dame beschimpft und schließt andere Menschen allein deswegen aus, weil sie nicht aus derselben sozialen Klasse stammen und deswegen macht sie dümmliche Erklärungen. Mitten in den Kriegsproblemen, die wir auf dieser Welt erleben, brauchen wir mehr Toleranz und Liebe. Wir sollten nicht die Zeit mit intoleranten und diskriminierenden Beschimpfungen vergeuden. Wir tolerieren nicht mehr ein Land oder eine Stadt, die vom Vorurteil regiert wird. Ich bedaure, Silvia, dass du ein Wesen bis, dem es nicht gelingt mit einem anderen menschlichen Wesen zusammenzuleben.”

Informationsquelle
O plano não cobre: Pobre não pode ter plano de saúde
O plano cobre