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Lärm treibt inzwischen auch Spanier auf die Barrikaden

Spanier sind lärmgewohnt. Die Wohnungen sind hellhörig, die Kneipen haben Fenster und Türen offen, die Menschen betrinken sich gerne auf dem Gehweg, Mopeds ohne Schallschutz knatterten durch enge Gassen, Musik hört man gerne in voller Lautstärke und vor dem Fernseher des Nachbarn hat man erst Ruhe, wenn die Nationalhymne ertönt. Alte Bräuche geraten aber in Spanien immer mehr ins Wanken. Der Stierkampf ist schon nicht mehr, was er mal war und jetzt beginnen die Einheimischen auch noch lärmempfindlich zu werden. Es gibt eine Generation, die durch den Dauerbeschuss mit Lärmkaskaden die Gnade der Schwerhörigkeit genießt, weshalb die Lärmempfindlichen es im Kampf für die Stille nicht leicht haben.

Andalusien gehört in Spanien zu den Lärm-Paradiesen, wo bis vor kurzem die Bevölkerung den Lärm als gottgegeben hinnahm. Langsam organisiert sich aber der Widerstand gegen die Lärmproduzenten. Im kleinen Städtchen Coria del Rio an den den Ufern des Guadalquivirs wagten entnervte Bürger den Kampf gegen einen Bar-Besitzer, den sie wegen eines Deliktes gegen die Umwelt auf Grund des Lärmes des Fernsehers, des Tischfußball-Spiels und des Bingo-Apparates anzeigten. Alles Geräte, die in der Tat in Andalusien Ruhebedürftige in den Wahnsinn treiben können. Vor Gericht verlangte der Staatsanwalt forsch 4 Jahre Gefängnis für die Krachmacher, die er während des Prozesses auf 10 Monate absenkte. Die Kläger forderten allerdings 12 Jahre Gefängnis für jeden der 3 Angeklagten. Der Richter schien jedoch eher von der Partei der Schwerhörigen zu sein, denn er sprach die Angeklagten frei.

Noch einmal haben also die Lärm-Terroristen gesiegt. Interessant ist aber die  Begründung, denn endlich einmal müssen die Gerichte sich Gedanken über dieses Thema machen. Im Urteil ist zu lesen, dass “es übertrieben sei, dass ein Fernsehgerät, eine “Maschine zur Erholung” (“maquina recreativa” nennt man in Spanien beschönigend dauerdudelnde Glücksspielautomaten) und ein Tischfußball-Gerät zur akustischen Kontaminierung führten” wie es das über der Bar lebende Ehepaar behauptete. Der Verteidiger der Beschuldigten war zufrieden und meinte, dass das Gericht nur dem Umstand Rechnung getragen habe, dass außer den normalerweise in einer Bar befindlichen Geräte keine sonstigen Lärmquellen gegeben habe. Er meint zudem, dass die Geräusche nicht von der Bar verursacht wurde, sondern auf den starkem Verkehr und dem mit dem Verkehr üblicherweise verbundenen Lärm von der Hauptstraße, an der die Bar liegt, herrühre.

Da half es auch nicht , dass einer der Kläger nachweisen konnte, dass er sich wegen des Lärmstresses in medizinische Behandlung begeben musste. Bei ihm wurde “allgemeine Angstzustände und Herzrhythmusstörungen” diagnostiziert. Das Gericht erinnerte daran, dass das Strafrecht bei geringfügigen Angelegenheiten nicht angewendet werden sollte und dass gerade bei solchen Anzeigen der Drang zur Übertreibung bestehe. Es soll auch Anwohner gegeben haben, die sich von dem Lärm aus der Bar nicht belästigt gefühlt hätten, andere wiederum hätten gemeint, dieser Lärm sei halt normalerweise von einer Bar zu erwarten. Es mag sein, dass hier das Strafrecht fehl am Platze ist. Diese Art des Lärmes kann man auch mit Ordnungsstrafen versuchen in den Griff zu bekommen. Kein Weg führt aber daran vorbei, dass Spanien ein echtes Lärmproblem hat. Da viele alte Bräuche, die der Erholung dienten wie die tägliche Siesta, inzwischen der Wirtschaftseffizienz geopfert wurden, werden die gestressten Menschen, die nicht einmal nachts ihre Ruhe finden, bald in größerer Zahl auf die Barrikaden gehen. Im Internet gibt es z.B. eine nationale Plattform gegen den Lärm, sie beschreibt ihre Ziele so: “Verteidigung der Ruhe und Schaffung eines Bewusstseins, dass Lärm die Gesundheit schädigt”. Eine positive Nachricht gibt es für Sevilla: Die Stadt hat heute eine Verordnung gegen akustische Kontamination, Lärm und Vibrationen erlassen. Die lärmgeplagten Bürger werden es der Stadt danken.


Informationsquelle
Absuelto el dueño de un bar que había sido denunciado por el ruido del televisor y el futbolín – Diario de Sevilla

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