Freitag, 24. Juli 2015

Können wir uns das leisten: Den Sommer zum Winter und den Winter zum Sommer machen?

Ziemlich heiß dieser Sommer, auch in Deutschland. Gegen Hitze bringen Klimaanlagen Abkühlung, trotzdem hält man in Europa von einer Vollklimatisierung von Wohnungen nicht viel. Ganz anders in den USA, wo Klimaanlagen zur Grundausstattung von Wohn- und Büroräumen gehören. Der Journalist Rick Noack nimmt sich in “The Washington Post” unter dem Titel “Europa an Amerika: Eure Vorliebe für Klimatisierung ist dumm” des Themas an.

Er schreibt: “Das Wetter in Washington und in Berlin war vor kurzem ziemlich ähnlich. Es gibt aber einen bedeutsamen Unterschied zwischen den beiden Hauptstädten, nämlich: “Während viele Amerikaner vermutlich nie in Betracht ziehen würden in Gebäuden ohne Klimaanlagen zu arbeiten, denken viele Deutsche, dass ein Leben ohne Klimatisierung viel besser sei. Die Trennung gibt es nicht nur zwischen Berlin und Washington. Nein, viele Europäer, die oft die USA besuchen, beklagen sich über die “Eiseskälte” in den Bussen und Hotels. Amerikanische Touristen auf der anderen Seite des Atlantiks waren wiederum erstaunt über die Fähigkeit der Europäer mit der Hitze klar zu kommen, sowohl an ihren Arbeitsplätzen als auch in ihren Wohnungen.”

Bereits 1992 hat laut Noack der Universitätsprofessor Gwyn Prins von der Universität Cambridge die amerikanische Liebe zur Klimatisierung kritisiert und als die “am weitesten verbreitete und am wenigsten zur Kenntnis genommene” Epidemie bezeichnet. Nach Angaben der amerikanischen Umweltschutzagentur hat der amerikanischen Bedarf für Klimatisierung in den letzten Jahren nur zugenommen. Die USA verbrauchen nach Forschungsergebnissen des Wissenschaftlers Stan Cox inzwischen mehr Energie für den Betrieb von Klimaanlagen als jedes andere Land der Welt.

Zwar lebe ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung in warmen und feuchten Gebieten, aber das allein erkläre den Unterschied in der Haltung bezüglich der Klimaanlagen zwischen Europa und den USA nicht. Laut Michael Sivak von der Universität von Michigan bevorzugen die Amerikaner eine jährliche Durchschnittstemperatur von 21° C, für die Europäer sei das aber zu kalt. Europäer würden ihre Thermostate im Sommer höher stellen und im Winter niedriger. “Konsequenterweise würden die Europäer in den Wohnungen im Winter Pullover tragen, während die Amerikaner diese im Sommer anhaben”, erklärt Sivak.

Laut dem Bericht von Noack sind die Europäer in dieser Sache aber auch umweltbewusster. Eine Mehrheit will gegen die globale Klimaerwärmung etwas tun. Zwei Drittel der Europäer sind der Ansicht, dass die Wirtschaft in einer umweltfreundlichen Art organisiert werden soll. Notwendig sei ein anderes Denken. “Während die Europäer sich dafür entschieden haben, zu akzeptieren, dass es warme und kalte Tage gibt, wurden amerikanische Architekten gezwungen, Balkone und Verandas aus ihren Bauplänen zu tilgen und niedrige Decken in die Gebäude zu bauen, um soviel Kälte im Innern wie möglich zu halten”, schreibt Noack. Den Nachteil, dass nicht klimatisierte Räume die Arbeitsproduktivität beeinträchtige, würden dadurch aufgehoben, dass dafür bei der amerikanischen Bauweise mehr Stress an den Arbeitsplätzen erzeugt werde.

Die Folgen sind fatal: “Unter dem Strich ist Amerika ein großes, reiches, heißes Land. Aber wenn die Nationen mit der zweit-, viert- und fünftstärksten Bevölkerungszahl – Indien, Indonesien und Brasilien, alles Länder mit heißem und feuchtem Klima – genauso viel Energie per Kopf verbrauchen würden wie die USA, dann würde dafür 100% der in diesen Ländern erzeugten Energie plus die gesamte Energie, die von Mexiko, Großbritannien, Italien und dem gesamten afrikanischen Kontinent produziert wird, benötigt. Wenn jeder sich dem klimatisierten Lebensstil der USA anpassen würde, dann würde der Energiebedarf bis 2050 um das Zehnfache steigen”, beschreibt Stan Cox die Folgen dieses maßlosen Energieverbrauchs.

Informationsquelle
Europe to America: Your love of air-conditioning is stupid