Direkt zum Hauptbereich

Die sieben Höllen des Nahverkehrs in Recife

Zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte ich die Gelegenheit den öffentlichen Nahverkehr in der brasilianischen Stadt Recife in Pernambuco zu erleben. Damals gab es noch einen vollklimatisierten Bus mit Sitzplatzgarantie, der einem von den beliebteren Stadtteilen ins Zentrum brachte. Der Dienst wurde aber bald wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt. Es blieb nur noch der normale Busverkehr. Der bestand aus Bussen, die eigentlich für Überlandreisen gedacht waren und Haltestellen, für die man einen siebten Sinn brauchte, denn sie waren selten als solche erkennbar. Da sich ein Großteil der Bevölkerung ein Auto nicht leisten konnte, war der Andrang natürlich entsprechend groß. Bekam man mal Zugang zu einem Bus, konnte man sich in der Regel nur noch reinquetschen. Der Bus hatte keine Klimaanlage und so klebte man Körper an Körper und war den nicht immer wohlwollenden Fahrkünsten des Fahrers hilflos ausgeliefert.

Hat sich nach über 30 Jahren und nach einer Fußball-WM etwas geändert? Wenn man den Ausführungen der lokalen Zeitung "Diario de Pernambuco" (DP) glauben darf, nur wenig. Unter dem Titel "Die sieben Höllen der Bus-Nutzer im Großraum Recife" beschreibt er die derzeitigen Zustände. Hier ein paar Auszüge aus dem Bericht:

2 Millionen Nutzer sind auf einen Nahverkehrsversorgung mit 3.000 Omnibussen angewiesen. Auf Grund der Tatsache, dass es kaum eigene Spuren für die Busse gibt, bleiben diese im chronischen Stau auf der Straße stecken. Im motorisierten Individualverkehr sind 1 Million Fahrzeuge unterwegs.
Der Wunsch auf eigene Fahrspuren steht deshalb ganz oben auf der Wunschliste der Verkehrsplaner, nur bei den Verantwortlichen regt sich nichts.


Die pernambucanische Haupstadt hat von Natur aus tropisch-heiße Temperaturen. An Sommertagen beträgt die mittlere Temperatur 29 Grad. Im Winter hat man das Gefühl, dass es im Schnitt etwa 3 Grad weniger sind. Und seit Jahren wird es immer heißer. Und nun stelle man sich das mal in einem völlig überfüllten Bus vor? "Das ist eine belastende Erfahrung. Man kommt schon müde und total verschwitzt am Arbeitsplatz an", berichtet die Lehrerin Valquiria.Derzeit sind es nur 42 Fahrzeuge, 2% der Flotte, die mit Klimaanlagen ausgestattet sind.


Ein weiterer Kritikpunkt sind die Haltestellen. Sie lassen viel zu wünschen übrig. An manchen Stellen zeigt nur ein Pfosten an, dass es sich um eine Haltestelle handelt. Aber auch anderswo verrotten die Haltestellen, sogar in der Innenstadt. Sie schützen weder gegen die Sonne, noch gegen Regen.

Dann gibt es auch Haltestellen, an denen kein Bus mehr hält, sogenannte "verbrannte Haltestellen". Nur wissen die Nutzer nicht, welche Haltestelle gerade nicht angefahren oder an der vorbei gefahren wird. Vielen passiert, dass sie lange an einer vermeintlichen Haltestelle anstehen und der Bus fährt an ihnen vorüber. "Das gibt ein Gefühl im Stich gelassen zu werden, nach einer fast immer langen Wartezeit ohne jeden Komfort und das verursacht eine Frustration, die schwierig zu beseitigen ist wegen eine Praxis, die sich immer mehr ausbreitet", schreibt der DP. Diese Missachtung der Kunden macht auch den größten Teil der Beschwerden aus. Von Januar bis November des vergangenen Jahres wurde 2.600 Klagen über "verbrannte Haltestellen" gemeldet.

Die Sicherheit außerhalb und innerhalb des Busses: Bei der Nutzung in der Nacht muss man einige Vorschichtsmaßnahmen ergreifen, um der urbanen Gewaltkriminalität zu entgehen. Mobiltelefone abschalten und an nicht sichtbaren Orten verstecken. Nich alleine ausgehen, keinen Geldbeutel in der Öffentlichkeit öffnen und nicht in den Bus einsteigen, wenn man meint es komme zu einem Überfall. Von Januar bis Mai 2014 wurden 290 Überfälle in Bussen registriert, im gleichen Zeitraum dieses Jahres waren es bereits 360.

Die mangelhafte Rücksicht der Nutzer aufeiander ist ein weiteres Problem. Rüpelhaftes Benehmen ist an der Tagesordnung. Es herrscht das Recht des Stärkeren. Schlangestehen wird ignoriert, worunter vor allem die Schwächeren leiden, die sich nicht wehren können. Auf Behinderte und Ältere wird selten Rücksicht genommen, sie werden beim Einsteigen weggestossen und die für sie reservierten Plätze von Nichtberechtigten besetzt. Üblich ist auch, dass im Bus laut Musik oder Radio gehört wird und damit die anderen Mitpassagiere belästigt werden. Trotz einer 2012 erlassenen Vorschrift habe diese Unart nicht abgenommen, berichtet DP.

Die Verantwortlichen für den Nahverkehr betreiben jetzt Feldforschung, wo die Hauptprobleme des öffentlichen Nahverkehrs in Recife liegen. Die Nutzer hoffen sehr, dass die Ergebnisse bald vorliegen und zu einer positiven Verbesserung führen.

Informationsquelle
Os sete infernos dos passageiros de ônibus do Grande Recife

Beliebte Beiträge

Gibraltar, Ostereier und des britischen Patrioten kriegerischer Abgang aus Europa

Scheinbar hat die britische Regierung bei ihrem nun formell erklärten Abgang aus der EU Gibraltar vergessen, genauso wie sie sich bisher wenig Gedanken um Nordirland und Schottland gemacht hat. Gibraltar, der kleine Felsen in Südspanien, der stolz für die kümmerlichen Reste des britischen Reiches steht. Richard Murphy, anerkannter Finanzfachmann, schreibt auf seinem Blog “Tax Research UK”, was er von dieser seltsamen Kolonie hält:

“Gibralter ist ein Außenposten einer Zeit, die immer noch in Köpfen ähnlich denen von William Hague existiert. Es ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Empire und des Kolonialismus, das keinen Platz in einem modernen Europa hat, in welchem das Vereinigte Königreich (UK) offensichtlich nicht Teil sein will. Es wurde geschaffen als Steueroase und ist ein Zentrum für Offshore-Wettbüros. Das Erste ist ein Versuch zur Unterminierung der globalen Wirtschaft und der legitimen Steuereinkommen demokratisch gewählter Regierungen. Das Zweite ist verbunden m…

Eine Autobahn durch die Karpaten, das wünschen sich viele

Rumänien hat eine neue Regierung und wieder einmal verspricht diese der Bevölkerung endlich die seit langem gewünschten Autobahnen zu bauen. Unter anderem steht die Karpatenquerung zwischen Kronstadt / Brasov über Comarnic nach Bukarest an oberster Stelle der Prioritätenliste. Comarnic ist eine Kleinstadt am Südrand der Karpaten, während Kronstadt in Siebenbürgen am nördlichen Karpatenrand liegt.

Wer gerne wissen möchte, wie zur Zeit die Situation auf einer der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Siebenbürgen und dem südlichen Rumänien aussieht, dem sei der nachstehende Artikel in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien empfohlen:

Das Programm der Sozialdemokratischen Partei (PSD), die in Allianz mit ALDE die neue Regierung stellt, nachdem sie vom Parlament und Staatspräsident Klaus Johannis eingesetzt wurde, sieht die Gründung eines eigenstaatlichen Fonds für Investitionen und Entwicklung (Fondul Suveran de Investiţii şi Dezvoltare) in Höhe von zehn Milliarden Euro für d…

Brasilianer erfahren, dass ihnen Gammelfleisch serviert wird

Gestern hat die brasilianische Bundespolizei unter dem  Decknamen “Operation schwaches Fleisch” (Operação Carne Fraca) eine Razzia in mehreren Bundesstaaten gestartet. Ziele waren die Fleischfabriken von JBS (Friboi), BRF (Sadia/Perdigão) und Seara. JBS gehört zu den weltweit größten Lebensmittelkonzernen, BRF wird zu den 50 wertvollsten Unternehmen Brasiliens gezählt und Seara war einer der offiziellen Sponsoren der Fußball-WM 2014.

Nach Mitteilung der Bundespolizei haben lokale Aufsichtsbehörden des Ministeriums für Fischerei und Landwirtschaft die Unternehmen bevorteilt zu Lasten des öffentlichen Interesses. Die beschuldigten Beamten und Politiker hätten ihre Ämter genutzt, um gegen Bestechung falsch deklarierte Lebensmittel mittels der Herausgabe von Unbedenklichkeitszertifikaten zu ermöglichen, ohne dass die Qualität der Produkte tatsächlich überprüft wurde. Mit diesen gefälschten Zertifikaten verkauften laut Bundespolizei die genannten Unternehmen Fleisch, dessen G…

Rumäniens erfinderische Polit-Gauner

Rumäniens sozialdemokratische Partei (PSD), Wahlsiegerin bei den letzten Wahlen, testet einen neuen Holzweg. Da einige ihre Mitglieder keine saubere Westen haben und in Korruptionsverfahren stecken oder schon verurteilt sind, haben sie darüber nachgedacht wie man den lästigen Korruptionsparagraphen im Strafgesetzbuch die Schärfe nehmen könnte. Der neue Ministerpräsident hat deshalb in einer Notverordnung (!) festgelegt, dass eine Bestechung bis zur Höhe von 45.000 Euro nur noch als Ordnungswidrigkeit behandelt werden soll. Die Notverordnung muss noch im Gesetzblatt veröffentlicht werden.

Das war vielen Rumänen nun doch ein Stück zu dick. Die Straßenproteste, an denen sich Staatspräsident Johannis beteiligte, nehmen zu und es zeichnet sich ab, dass die Notverordnung nicht so einfach durchkommen wird. Inzwischen hat auch die EU aufgemerkt, denn Rumänien steht immer noch in einem Monitoring-Verfahren bezüglich des Kampfes gegen die Korruption. Die Demonstranten haben also …

Kälte und Angst lassen Frankreich zittern

Derzeit herrschen grausame Minus-Temperaturen in Frankreich, die Bevölkerung dreht die beliebten elektrischen Heizungen auf Hochtouren und verursacht damit auch noch die Angst, dass plötzlich das ganze Stromnetz kollabieren könnte. Diese Woche wird das Thermometer in Frankreich nicht über 0 Grad klettern. Das für die Stromnetze verantwortliche Unternehmen RTE gibt bekannt, dass man sich einem historischen Höchststand beim Elektrizitätsverbrauch nähere. Und das zu einer Zeit, in der 5 Atomkraftwerke wegen Sicherheitsmängel abgeschaltet sind. RTE bezeichnet die Situation als fragil, rechnet aber nicht mit Zusammenbrüchen im Stromnetz. Man werde Strom aus den Nachbarländern importieren, vorsorglich die Versorgung von 21 Industrieanlagen mit extrem hohen Stromverbrauch abschalten und die Spannung im Netz verringern.

Ein wichtiger Grund für den Notstand sind die vielen stromfressenden Elektroheizungen in Frankreich. In den glorreichen Zeiten der Atomenergie, in denen man in…

WM 2014 im brasilianischen Hinterland: Der Spaß ist vorbei, der Ärger bleibt

Die FIFA WM 2014 ist Sportgeschichte. Was bleibt sind die Trümmer in finanzieller und tatsächlicher Art. Im Februar 2014 hatte ich einen Beitrag über den WM-Ort Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, geschrieben. Unter anderem habe ich dazu ausgeführt:
Für die 4 Spiele wurde ein neues Stadion gebaut, die Arena Amazonia. Ein bereits existierendes älteres Stadion wurde abgerissen, weil es den Anforderungen der FIFA nicht genügte. Den brasilianischen Staat kostete das 600 Millionen Real (etwa 187 Millionen Euro) und keiner weiß, was man nach den 4 Spielen mit dem Stadion anfangen soll. In diesem Zusammenhang wurde auch der Flughafen ausgebaut, für den eine große unter Naturschutz stehende Fläche entwaldet und ein Fluss unterirdisch verlegt wurde.  Für den Bau des Stadions starben 4 Bauarbeiter. Gegen das ausführende Bauunternehmen läuft seit einiger Zeit ein Schadensersatzprozess. 

Die Sportausgabe der Zeitung “O Estado de São Paulo” (Estadão) hat s…