Direkt zum Hauptbereich

Wie Brasilien sein Gesundheitssystem kurieren will

Gegenstand der kürzlichen Volks-Proteste in Brasilien, die in dieser Heftigkeit überraschend kamen, war  auch das brasilianische Gesundheitssystem, deren öffentliche Version einen miserablen Ruf hat. Zwar gibt es auch Privatkliniken mit einem höheren Standard, aber welcher Brasilianer kann diese schon bezahlen.

Die brasilianische Regierung scheint nun die Lektion gelernt sie zu haben, zumindest greift sie das Thema auf und versucht es mit dem Beginn einer Reform. Die besteht darin, dass die Dauer des Studiums für Mediziner um 2 Jahre erhöht wird. Mit den 2 zusätzlichen Jahren sollen Mediziner verpflichtet werden, diese Zeit für Tätigkeit im Einheitlichen Gesundheitssystem (SUS) zu nutzen. Die Regierung von Dilma Rousseff erhofft sich damit, den Ärztemangel beheben zu können und dadurch eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung der hilfesuchenden Menschen zu erreichenden. Abgesehen von dieser Maßnahme soll zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Krankenhäusern mehr investiert werden.

Für die Dauer ihrer 2-jährigen Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitswesen sollen die angehenden Mediziner ein Stipendium erhalten. Bis 2021 soll es auf diese Weise 20.500 Ärzte mehr für die medizinische Grundversorgung geben. Ideengeber für das brasilianische Gesundheitswesen ist das englische Modell des National Health Service. Das bereits bestehende seit 2004 bestehende Programm "Mais médicos" (Mehr Ärzte) soll in Zusammenarbeit mit den Gemeinden ausgeweitet werden. Für die Verbesserung der örtlichen Krankenhäuser und Gesundheitsstationen sollen die Gemeinden mehr Geld bekommen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen.

Ein heikles Thema ist die Anstellung ausländischer Ärzte, die für eine kurzfristige Verstärkung möglich wäre und angesichts der Proteste der vergangenen Tage von der Staatspräsidentin Dilma Rousseff vorgeschlagen wurde. Scheinbar gibt es dagegen einige Widerstände, deshalb soll die Einstellung von Ausländern nur erfolgen, wenn keine brasilianischen Kandidaten vorhanden sind und die ausländischen Mediziner portugiesisch sprechen und verstehen können. Der Gouverneur des Bundesstaates Bahia, Jacques Wagner, hat die Staatspräsidentin gebeten, Pressionen gegen die Einstellung von Ausländern nicht nachzugeben. Nach seiner Meinung könne man jetzt nicht wieder das Rad zurückdrehen und "wenn die brasilianischen Ärzte nicht ausreichend die Orte abseits der großen Städte zu versorgen, dann müssen wir unterstützt von der Bundesregierung ausländisches Personal anwerben, damit die Bürgermeister die Gesundheitsversorgung in ihren Kommunen gewährleisten können".

Der Bundesrat für Medizin (CFM) hält gar nichts von der Maßnahme angehende Ärzte für den Dienst auf dem Land zu verpflichten. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei der Entscheidung um eine Panikreaktion, die den  Forderungen der Demonstrierenden nicht dient. "Das Programm, das darauf abzielt, Ärzte von entsprechende Diplom einzusetzen ist gefährlich, da die Bevölkerung von Ärzten ohne ausreichende Fähigkeiten behandelt wird", erklärte der Vertreter des CFM. 



Informationsquelle:
Médico terá de trabalhar dois anos no SUS para se formar - BrasilAtual

Beliebte Beiträge

Gibraltar, Ostereier und des britischen Patrioten kriegerischer Abgang aus Europa

Scheinbar hat die britische Regierung bei ihrem nun formell erklärten Abgang aus der EU Gibraltar vergessen, genauso wie sie sich bisher wenig Gedanken um Nordirland und Schottland gemacht hat. Gibraltar, der kleine Felsen in Südspanien, der stolz für die kümmerlichen Reste des britischen Reiches steht. Richard Murphy, anerkannter Finanzfachmann, schreibt auf seinem Blog “Tax Research UK”, was er von dieser seltsamen Kolonie hält:

“Gibralter ist ein Außenposten einer Zeit, die immer noch in Köpfen ähnlich denen von William Hague existiert. Es ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Empire und des Kolonialismus, das keinen Platz in einem modernen Europa hat, in welchem das Vereinigte Königreich (UK) offensichtlich nicht Teil sein will. Es wurde geschaffen als Steueroase und ist ein Zentrum für Offshore-Wettbüros. Das Erste ist ein Versuch zur Unterminierung der globalen Wirtschaft und der legitimen Steuereinkommen demokratisch gewählter Regierungen. Das Zweite ist verbunden m…

Rumänien und die Europäische Union

Rumänien ist jetzt seit 10 Jahren Mitglied der Europäischen Union. Der Journalist und Politikwissenschaftler Cristian Preda hat auf der Webseite der Zeitung "Adevarul" unter dem Titel "Rumänien in der EU: Ein Jahrzehnt, drei Herausforderungen" eine Zusammenfassung des bisher Erreichten geschrieben, die ich anliegend in Auszügen wiedergebe:

Wir sind jetzt schon 10 Jahre in der Europäischen Union. Die wirtschaftliche Bilanz ist positiv: Das Bruttosozialprodukt hat sich verdoppelt, der Durchschnittslohn ist um 66% gestiegen, wir haben etwa 25 Milliarden Euro an Hilfen erhalten. Politisch stehen wir nicht so gut da. 

Ich gehe hier auf 3 Punkte ein.

Der erste Punkt ist der "Mechanismus der  Zusammenarbeit und Verifizierung" (MCV). Er wurde als Kompromiss eingerichtet, damit wir am 1. Januar 2007 der EU beitreten konnten. Bei diesem Mechanismus MCV ging es um das Funktionieren der Justiz. Im Lauf der 10 Jahre haben nur wenige geglaubt, dass die Reform dieses Bere…

Eine Autobahn durch die Karpaten, das wünschen sich viele

Rumänien hat eine neue Regierung und wieder einmal verspricht diese der Bevölkerung endlich die seit langem gewünschten Autobahnen zu bauen. Unter anderem steht die Karpatenquerung zwischen Kronstadt / Brasov über Comarnic nach Bukarest an oberster Stelle der Prioritätenliste. Comarnic ist eine Kleinstadt am Südrand der Karpaten, während Kronstadt in Siebenbürgen am nördlichen Karpatenrand liegt.

Wer gerne wissen möchte, wie zur Zeit die Situation auf einer der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Siebenbürgen und dem südlichen Rumänien aussieht, dem sei der nachstehende Artikel in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien empfohlen:

Das Programm der Sozialdemokratischen Partei (PSD), die in Allianz mit ALDE die neue Regierung stellt, nachdem sie vom Parlament und Staatspräsident Klaus Johannis eingesetzt wurde, sieht die Gründung eines eigenstaatlichen Fonds für Investitionen und Entwicklung (Fondul Suveran de Investiţii şi Dezvoltare) in Höhe von zehn Milliarden Euro für d…

Brasilianer erfahren, dass ihnen Gammelfleisch serviert wird

Gestern hat die brasilianische Bundespolizei unter dem  Decknamen “Operation schwaches Fleisch” (Operação Carne Fraca) eine Razzia in mehreren Bundesstaaten gestartet. Ziele waren die Fleischfabriken von JBS (Friboi), BRF (Sadia/Perdigão) und Seara. JBS gehört zu den weltweit größten Lebensmittelkonzernen, BRF wird zu den 50 wertvollsten Unternehmen Brasiliens gezählt und Seara war einer der offiziellen Sponsoren der Fußball-WM 2014.

Nach Mitteilung der Bundespolizei haben lokale Aufsichtsbehörden des Ministeriums für Fischerei und Landwirtschaft die Unternehmen bevorteilt zu Lasten des öffentlichen Interesses. Die beschuldigten Beamten und Politiker hätten ihre Ämter genutzt, um gegen Bestechung falsch deklarierte Lebensmittel mittels der Herausgabe von Unbedenklichkeitszertifikaten zu ermöglichen, ohne dass die Qualität der Produkte tatsächlich überprüft wurde. Mit diesen gefälschten Zertifikaten verkauften laut Bundespolizei die genannten Unternehmen Fleisch, dessen G…

Kälte und Angst lassen Frankreich zittern

Derzeit herrschen grausame Minus-Temperaturen in Frankreich, die Bevölkerung dreht die beliebten elektrischen Heizungen auf Hochtouren und verursacht damit auch noch die Angst, dass plötzlich das ganze Stromnetz kollabieren könnte. Diese Woche wird das Thermometer in Frankreich nicht über 0 Grad klettern. Das für die Stromnetze verantwortliche Unternehmen RTE gibt bekannt, dass man sich einem historischen Höchststand beim Elektrizitätsverbrauch nähere. Und das zu einer Zeit, in der 5 Atomkraftwerke wegen Sicherheitsmängel abgeschaltet sind. RTE bezeichnet die Situation als fragil, rechnet aber nicht mit Zusammenbrüchen im Stromnetz. Man werde Strom aus den Nachbarländern importieren, vorsorglich die Versorgung von 21 Industrieanlagen mit extrem hohen Stromverbrauch abschalten und die Spannung im Netz verringern.

Ein wichtiger Grund für den Notstand sind die vielen stromfressenden Elektroheizungen in Frankreich. In den glorreichen Zeiten der Atomenergie, in denen man in…

Rumäniens erfinderische Polit-Gauner

Rumäniens sozialdemokratische Partei (PSD), Wahlsiegerin bei den letzten Wahlen, testet einen neuen Holzweg. Da einige ihre Mitglieder keine saubere Westen haben und in Korruptionsverfahren stecken oder schon verurteilt sind, haben sie darüber nachgedacht wie man den lästigen Korruptionsparagraphen im Strafgesetzbuch die Schärfe nehmen könnte. Der neue Ministerpräsident hat deshalb in einer Notverordnung (!) festgelegt, dass eine Bestechung bis zur Höhe von 45.000 Euro nur noch als Ordnungswidrigkeit behandelt werden soll. Die Notverordnung muss noch im Gesetzblatt veröffentlicht werden.

Das war vielen Rumänen nun doch ein Stück zu dick. Die Straßenproteste, an denen sich Staatspräsident Johannis beteiligte, nehmen zu und es zeichnet sich ab, dass die Notverordnung nicht so einfach durchkommen wird. Inzwischen hat auch die EU aufgemerkt, denn Rumänien steht immer noch in einem Monitoring-Verfahren bezüglich des Kampfes gegen die Korruption. Die Demonstranten haben also …