Die brasilianische Gesellschaft befindet sich auf einem abschüssigen Gelände

Ein Präsident namens Temer, bei dem es keine Zweifel gibt, dass er in Korruptionsfälle verwickelt ist, der aber von einem größtenteils genauso korrupten Parlament in seiner amtlichen Immunität geschützt wird, fördert mit seinem Tun die Intoleranz in der brasilianischen Gesellschaft und die kriminellen Machenschaften gewalttätiger faschistischer Kreise.

Der Blogger Sakamoto beschreibt das derzeitige Klima in Brasilien, wo inzwischen ein Vakuum geschaffen werde, in dem Straflosigkeit herrsche:

  • Eine Professorin der Bundersuniversität Rio de Janeiro wurde anlässlich eines Vortrages über die Jahrhundertfeier der russischen Revolution feindlich angegriffen. Ein Jugendlicher erhob sich und begann sie schreiend zu bleidigen und er behauptete, dass es in Brasilien nie eine Diktatur gab. Die Forderungen anderer Teilnehmer, dass er und seine Anhänger sich beruhigen und anständig diskutieren sollten, hatten keine Wirkung und die Sicherheitsleute wurden gerufen. Die Störer behaupteten, dass sie das Ganze gefilmt hätten und an das Militär senden würden.

  • Illegale Goldschürfer zündeten die Büros der Ibama und der ICMBio in Humaitä, im Süden des Amazonas, an als Vergeltung für eine Aktion gegen die illegale Goldschürferei am Rio Madeira. Ungefähr 500 Personen nahmen an der Attacke teil. Neun von den Behörden erworbene Fahrzeuge wurden dabei zerstört. Prozess-, Archivakten und Dokumente wurden in Asche verwandelt und die Beamten mussten sich auf die Basen der Armee und Marine retten, um nicht umgebracht zu werden.

  • Ein Candomblé-Priester in São João do Meriti,  Baixada Fluminense, musste die Uhrzeit für seine Feiern vorziehen und seinen Besuchern das Tragen der typischen Kleider außerhalb des Lokals untersagen, um keine gewalttätigen Ausschreitungen zu provozieren. Religionen afrikanischer Herkunft sind des öfteren Ziel von Attacken von intoleranten Anhängern christlicher Religionen. In einigen Fällen geben Drogenhändler eine Art religiöse Verordnung heraus mit der sie Umbanda und Candomblé verbieten.

  • Ultrakonservative Gruppen setzen die Sesc Pompeia (Kulturzentrum in São Paulo) unter Druck, damit dieses ein vorgesehenes Seminar unter Teilnahme der nordamerikanischen Philosophin Judith Butler, eine anerkannte Fachfrau für Geschlechterfragen, absage. "Wir können nicht erlauben, dass eine Förderin dieser unheilvollen Ideologie in unserem Land ihre absurden Ideen verbreitet", steht im Text einer entsprechenden Petition. Ankündigung von Angriffen auf die Veranstaltung kursierten ungestraft im Internet.

  • Die Vorführung eines Dokumentarfilms über den ultrakonservativen Aktivisten Olavo de Carvalho endete in einer Schlägerei unter verletzten Studenten an der Bundesuniversität von Pernambuco in Recife. Linke und rechte Gruppen beschuldigten sich gegenseitig mit den Beschimpfungen und Aggressionen begonnen zu haben.

  • Nachdem die Bundesregierung die Befreiung von Sklaven in einer Verwaltungsanordnung erschwert hat, traten Unternehmer aus dem Bekleidungssektor und der Agrarindustrie an die Öffentlichkeit und lobten die Massnahmen der Regierung. Allgemein wurde die Meinung geäussert, das dies mehr "juristische Sicherheit bringe", Ordnung schaffe und verhindere, dass die Arbeiter ihre Arbeitgeber ausbeuteten. Einer von ihnen hat bereits einen Staatsanwalt für Arbeitsrecht attackiert und seine Angestellten zu Protesten gegen die Bundesstaatsanwaltschaft geschickt.

Es war eine schwierige Woche in Brasilien.


Und dies nicht nur auf Grund der Tatsache, dass die Abgeordnetenkammer Michel Temer davor gerettet hat wegen Behinderung der Justiz und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor Gericht zur Rechenschaft  gezogen zu werden. Die sozialen Veränderungen in der Form bestimmten Gruppen, die historisch immer benachteiligt wurden, Rechte zu geben, führte zu heftigen Attacken derjenigen, die nie kämpfen mussten, um als Bürger oder auch nur Menschen anerkannt zu wereden. Und damit alles so bleibt wie es bisher war für den Rest der Gesellschaft, verbohte man sich in die Idee, dass die Henker Opfer sind und die Opfer Henker. Intolerante bemächtigten sich dieser Legende (und mit der Sicherheit, dass die Institutionen des Staates, schwach und korrumpiert, nicht in der Lage sind Grenze zu setzen),  handeln sie in Selbstjustiz. Sie massen sich Polizeibefugnis an, geben sich als Richter und Vollstrecker im Namen ihre eigenen Überzeugung.

Die Verteidigung der Methode  die Position von Opfern und Henkern je nach Bedarf wechseln zu können, wird täglich von der politischen Führerschaft gemacht, in Schulen, Unternehmen, Clubs, Kirchen. Es reicht nicht die Bälle Tag für Tag zu wechseln, man muss die Verrücktheit auch noch in Gesetze fassen. Währenddessen gibt es eine Minderheit, die nicht versteht ,wie das Leben in einer Gesellschaft funktioniert, die die Angst als Regelinstrument der sozialen Beziehungen befürwortet.

Der Fall von Dilma Rousseff und der Rückzug ihrer Partei von der Macht brachten bestimmte Gruppen und Bewegungen nach vorne, die ihre Identität allein daraus beziehen, dass sie gegen die PT sind, damit sie einen "Feind" haben, um ihren Einfluss auf einen Teil der Öffentlichkeit zu behalten, der ihnen seit dem Impeachment gegen Rousseff hörig ist. Alles deutet daraufhin, dass dies ein zusätzlicher Faktor ist, um die Angst eines Teils der Gesellschaft auszubeuten - etwas, was man auch an den haltlosen Beschuldigungen des Begehens von Sexualstraften sehen kann, die in den letzten Wochen gegen Künstler gerichtet waren. Diese Gruppen sind, im Gegensatz zu den Massen, die sie manipulieren, sich sehr wohl bewusst ihres Tuns, sie verdienen Geld und Macht damit.

Damit konstruieren wir eine Art "McCatrthyismus tupiniquim", der sich nicht darauf beschränkt die Kommunisten zu Feinden zu erklären wie es in den Vereinigten Staaten der 50er Jahre passierte, sondern auch Religionen, Identitäten und Sexualität.

Und da es inzwischen Gewissheit ist, dass die Institutionen der politischen Macht nicht die Aufgabe des möglichen Ausgleichs übernehmen, weil sie selbst vollständiger Teil des Konfliktes sind, öffnet sich Raum für eine Reaktion auf die Reaktion, die, was nicht ungewöhnlich ist, gewalttätig wird. Und so beginnen erste Kämpfe auf dem Land. Was fehlt ist ein Spiegel im Haus. Mit ihm wäre es möglich zu sehen, dass diejenigen, die sich über die Rechte anderer erheben, verstehen, dass die "Monster", die sie suchen, in Wirklichkeit eigentlich sie selbst sind.