Donnerstag, 5. November 2015

Wie die Bärtigen sich über die Toten von Bukarest freuen, aber sich vielleicht damit selbst das Grab schaufeln

In Bukarest sind vor kurzem bei einem Brand in einem Nachtclub 31 Menschen ums Leben gekommen. Die Tragödie hat Schockwellen in die rumänische Gesellschaft gesandt und zu heftigen politischen Protesten geführt, in deren Gefolge der derzeitige Ministerpräsident Ponta samt seiner Regierung zurück getreten ist. Erstaunlich, wenn man weiß mit welcher Hartnäckigkeit gerade Ponta am Sessel klebte, obwohl strafrechtliche Ermittlungen wegen Korruption gegen ihn laufen. Einer, der bei den Protesten dabei war, Blogger Teo, schreibt: “Die Mitarbeiter des Ministerpräsidenten, die gestern auf den Boulevards von Bukarest die Proteste gesehen haben, wissen genau, dass dies kein politische Manöver war. Sie haben gesehen, dass es Wut war, authentische Wut. Aber sie sind nicht bereit, dies in der Öffentlichkeit zuzugeben. Einer von ihnen warnte, dass es sich um Wut und Hass handle. Ich war da, es war Frust und ein Kampfschrei. Aber kein Hass. Die Menschen von gestern Abend wollen Recht und keine Rache”.

Zum Ziel der Kritik wurde auch die Orthodoxe Kirche Rumäniens (BOR), repräsentiert durch Priester mit langen Bärten, die sich für die Gralshüter des Rumänentums halten und von den Regierenden – auch der kommunistischen Diktatur – bisher gehätschelt wurden. Ihre Führer haben auch das Bonzentum der korrupten kommunistischen und nachkommunistischen Eliten bestens kultiviert. Die Gläubigen haben ihnen zu dienen und nicht umgekehrt. So hat die BOR auch die Toten von Bukarest erst einmal ignoriert, denn die waren ja bei einem sündigen Vergnügen gestorben. “Die Menschen, die an den Ort der Tragödie beim Club Colectiv gekommen waren, beschuldigten die BOR, die Opfer ignoriert zu haben. Die Priester wären in den ersten Tagen danach  nicht zum Ort des Geschehens gekommen, um die Jugendlichen, die dort gestorben waren, zu ehren. Auch wurden keine Gedenkgottesdienste für die Verstorbenen abgehalten. Während die Orthodoxe Kirche es nicht für richtig hielt, für die Verstorbenen in der Kirche zu beten, sind die Repräsentanten der römisch-katholischen Kirche mit Kerzen zum Unglücksort gegangen und haben dort für die Opfer gebetet”, berichtete die Webseite “stiripesurse.ro”.

Patriarch Daniel, der oberste Führer der BOR ließ sich zu dem verächtlichen Spruch herab: “Es kommt Licht in die Kirche, nicht in den Club. Dort sind sie gestorben, aber wir beten in der Kirche”. Der Priester Filotheu Bălan wird noch etwas deutlicher: “Die Tatsache, dass viele Jugendliche beim Hören von makabrer Musik (um nicht zu sagen satanischer Musik) gestorben sind, kann als Strafe Gottes angesehen werden, denn oft straft Gott auf diese Art und Weise. Leider sind die Umstände, unter denen sie gestorben sind, in jenem Holocaust, zweifelhaft und nach der Lehre der Kirche ist es sehr schwer, dass man ihrer im Gottesdienst gedenken kann.”

Dorin Tudoran schreibt dazu im Blog “VoxPublica”: “ Das Motiv dafür, dass viele Jugendliche lieber in den Club als in die Kirche gehen, ist nicht die Hauptsorge des Patriarchen. Seine Hauptsorge ist die, dass die Eltern jener Kinder exakt in jener Zeit von der Kirche im Stich gelassen wurden als diese sie am nötigsten brauchten: Das war damals als sie selbst Jugendliche waren und ihre Eltern Tag und Nacht vor dem Schatten des kommunistischen Terrors zitterten. In der Zeit, in der die Führer der BOR ihre Botschaften an das Volk aus einem Mercedes titanischer Größe an die Gläubigen richten, fährt das Oberhaupt der katholischen Kirche in einem Fiat wie ein einfacher Musikinteressierter zur Vorstellung eines Albums mit progressiver Rock-Musik. Die Vorstellungen im Colectiv waren nicht vom Teufel organisiert und es endete nicht in einer Tragödie, weil Gott sich entschlossen hatte, diejenigen zu bestrafen die dort waren. Gott und den Teufel hier mit reinzuziehen, ist im besten Fall eine Dummheit. Der Teufel ist kein Zündler, Gott ist kein Feuerwehrmann”.

Unter dem Hashtag #COLECTIV organisiert sich inzwischen in Rumänien eine politische Gruppe mit dem Ziel des Aufbaus einer Agenda für eine Politik des sozialen Ausgleichs. Sie hat dafür einen Forderungskatalog erstellt. Punkt 7 fordert, die sofortige Einstellung der Finanzierung der BOR durch den Staat. Das wird so begründet: “Obwohl sie aus öffentliche Mitteln finanziert wird, hat sich die BOR im Gefolge des Unfalls im Colectiv und in den Tagen der nationalen Trauer ohne Mitgefühl gezeigt. Wir verlangen die Untersuchung der intransparenten Finanzierung der BOR, das Einstellen der Subventionen für den Bau der großen Kathedrale von Bukarest und der Kirchen generell und die Rückführung dieser Gelder in die öffentlichen und sozialen Dienstleistungen. Desgleichen verlangen wir als alternatives Schulfach statt Religion die Einführung eines Kurses zur Vermeidung von Bränden und solcher in erster Hilfe.”

Vermutlich ist die Orthodoxe Kirche unfähig, sich zu reformieren. Ähnlich den postkommunistischen Regierungen hat sie bisher gegenüber ihren Gläubigen ein arrogantes Verhalten an den Tag gelegt, während die Patriarchen, Äbte und Popen sich mit dem Staatsgeld, mit dem ihr Wohlverhalten gegenüber den Herrschenden gekauft worden war, vergnügten.

Siehe auch
Der Erzbischof belieben zu exkommunizieren, aber die Gläubigen sind nicht mehr das, was sie einmal waren
Was machen, wenn ein Lutheraner als Staatspräsident den Segen der Orthodoxen braucht?
Wie die Popen in Rumäniens Politik mitmischen
Rumänen fallen immer mehr vom Glauben ab
Kirchenfürsten nehmen Beispiel an des Diktators Größenwahn
Informationsquelle
Tragedia, politica și biserica
Viitorul are autor #COLECTIV. Revendicările stângii