Samstag, 11. Januar 2014

In Drancy sitzt den Menschen die Angst im Nacken

Am 23. Dezember entgleiste auf dem Rangierbahnhof von Drancy, ein Ort etwa 10 km nordöstlich von Paris, ein mit Nuklearabfällen bestückter Güterwagen. Der Verschiebebahnhof liegt in einem dicht besiedelten Gebiet. Durch den Bahnhof werden jährlich mehr als 10.000 Waggons mit gefährlichen chemischen und nuklearen Stoffen geführt. Der verunglückte Wagen war mit 6 Tonnen Nuklearmaterial beladen, das zur Wiederaufarbeitungsanlage nach La Hague transportiert werden sollte.


Dass Waggons mit Gefahrengüter in Drancy verunglücken scheint an der Tagesordnung. Das Bürgermeisteramt berichtet, dass es durchschnittlich einen Zwischenfall alle 3 Monate gibt. Im Jahr 2011 standen nach einer Untersuchung der Regionaldirektion für Umwelt und Energie (DRIEE) für 3 Stunden auf dem Bahnhof 11.500 Waggons mit chemischen Stoffen wie hoch entzündlichem Kohlenwasserstoff, Chlor, Ammoniak oder andere Explosiv- und Giftstoffe sowie Nuklearmaterial, davon waren 2.080 Waggons als "äußerst gefählich" deklariert.

Die Anwohner sind aus diesem Grund in höchstem Maße beunruhigt. Nachdem am 23. Dezember der Güterwagen entgleiste und die Warnsirene ertönte, entstand bei der Bevölkerung eine Panik, das Notfalltelefon der Stadtverwaltung war durch die Masse der Telefonanrufe völlig überlastet. Seit dem schweren Bahnunglück im kanadischen Ort Lac-Mégantic im letzten Sommer, wo ein Güterzug mit chemischen Stoffen explodierte und 47 Personen starben, sind sich die Menschen im dicht besiedelten Gebiet von Drancy bewusst, was ihnen blühen könnte. Bürgerbewegungen und die Stadtverantwortlichen drängen auf Verlegung des Güterbahnhofs, der Bürgermeister fragt die Bahn: "Muss man erst auf einen schweren Unfall warten, um endlich Maßnahmen zu ergreifen?".


Beim Unfall vom 23. Dezember wurde sofort abgewiegelt, von der Bahn und von der Nuklearfirma Areva, von der das Material stammte und die Öffentlichkeit beruhigt, dass keine Nuklearstoffe entwichen waren. Vertuschen, abwiegeln gehört ja zum eisernen Bestand der Öffentlichkeitsarbeit der Nuklearindustrie, weil die Wahrheit ihnen das ganze schöne Geschäft kaputt machen könnte. Jetzt gab die französische nationale Behörde für Nuklearsicherheit (ASN) bekannt, dass am Waggon doch Spuren von Radioaktivität festgestellt wurden. So ganz weiss man nicht wie man das einzuordnen hat, denn die Ladung soll nicht beschädigt worden und weiterhin dicht gewesen sein. Unerklärbares wird deshalb von Areva und dem ASN als "Anormalie" bezeichnet. Das bedeutet, dass man keine Ahnung hat, woher die nukleare Spur kommt. Auf jeden Fall wieder das Übliche, keine Gefahr, nur geringste Mengen, die keine Gefahr für die Bevölkerung darstellen. Und so geht das russische Roulette in Drancy weiter.

Die Menschen in und um Drancy wollen aber nicht mehr Roulette mit ihrem Leben und Gesundheit spielen. Heute kam es zu einer Demonstration. Der Protestzug zog von den Gemeinden Blanc-Mesnil und Drancy zum Güterbahnhof. Es wurden dabei Slogans wie "Wir wollen die Konvois nicht" und "Areva, hör damit auf" gerufen. Der Sprecher der Bürgerbewegung CORIGAT, Alain Ramos, erklärt dazu: "Die Bewegung nimmt Fahrt auf. Das heißt, dass wir weitermachen müssen. Nach vielen Jahren des Hinnehmens verlangen wir, die Anwohner, die Einstellung der Transporte mit Gefahrenstoffen, damit wir in Sicherheit leben können".


Informationsquelle
Drancy : une trace radioactive trouvée sur le wagon accidenté - Le Monde