Direkt zum Hauptbereich

Ein staatlich geduldeter Vorhof zur Hölle

Im Jahre 2010 habe ich unter dem Titel "Stadt gegen Land, eine blutige Bilanz in Brasilien" von den himmelschreienden Zuständen in den Gefängnissen des brasilianischen Bundesstaates Maranhão berichtet. Die Gouverneurin des Bundesstaates, Roseana Sarney, hatte damals versprochen, dass die Zustände durch Bau neuer Gefängnisse geändert werden.

Leider hat sich gar nichts geändert. Die Zustände vor allem im Gefängnis Pedrinhas sind noch genauso wie vor 3 Jahren. Zu Anfang dieses Jahres kommt alles wieder hoch: Das Gefängnis ist für 1.770 Gefangene gebaut, aber zur Zeit ist es vollgestopft mit 2.196 Menschen. Im vergangenen Jahr gab es 60 Todesfälle im Gefängnisse, 3 Gefangene wurden von ihren Mitgefangenen enthauptet. Der brasilianische Nationalrat für Justiz (CNJ) stellt in einem Bericht gravierende Verletzungen der Menschenrechte fest wie Überbelegung der Zellen, die Tätigkeit von kriminellen Banden deren Wüten durch extreme Gewalt und sexueller Missbrauch von Lebensgefährtinnen anderer Gefangener gekennzeichnet ist. Und dies alles ohne dass das Gefängnispersonal versucht Einfluss zu nehmen. In den Gefangenen-Pavillons gibt es keine Kommandoposten der Gefängnisverwaltung.


Die Versuchung sei groß, dass man hier die Sache wieder mal so abtue, dass hier ja nur Banditen Banditen umbringen würden, erklärt der Soziologe Renato Sérgio Lima und er führt weiter aus: "Es kann so nicht weiter gehen. Brasilien ist das dritte oder vierte Land in der Welt, bei dem die Menschen am häufigsten ins Gefängnis gesteckt werden, ohne dass das Problem gelöst wird. Öffentliche Sicherheit besteht nicht nur aus dem Strafrecht, indem man denjenigen, die man erwischt, nicht die minimalsten Chancen fürs Überleben und ein friedliches Zusammenleben im Gefängnis bietet. Was nicht bedeutet, dass  man den Gefangenen Luxus oder Wohltaten bietet. Es geht nicht, dass man wie viele meinen die Situation in den Gefängnissen so lässt wie sie sind, so wie der Zustand zur Zeit in Maranhão ist, denn schlussendlich geht es ja nur um Banditen, die Banditen umbringen. In Wahrheit sind es Mitbürger, die sterben, was in der Praxis dabei hilft in Brasilien das Gefühl der Angst und Unsicherheit zu verstärken und das schadet der ganzen Gesellschaft".


Lima fordert ein wirksame Politik, die für eine Modernisierung der Gefängnisse sorgt, diese in kleinere Einheit aufteilt, in denen man die Gefangenen nach Art des begangenen Delikts, nach dem Grad der gezeigten Gewalt und Gefährlichkeit trennen kann. "Ohne das werden wir die Schlacht nicht gewinnen", ist die Meinung des Soziologen Lima und er erklärt seine Argumentation wie folgt näher: "Das was wir heute sehen, zum Beispiel in Pedrinhas, ist dass mehrere Gefangene in eine Zelle gesperrt werden und die Gefängniswächter haben keinen Zugang zu den Galerien, die von den Gefangenen selbst beherrscht werden. Das ist eine kontraproduktive Logik, weil die Handlung des Staates sich denen der Banditen angleicht und die Gefängnisse nur noch als Schule des Verbrechens dienen und dafür sorgen, dass dieselben Personen, die heute in ihnen sitzen, in die Gesellschaft zurückkehren und dort für mehr Angst und Unsicherheit sorgen".


Vom modernen Strafvollzug hat man in Brasilien noch wenig gehört, schon gar nicht im Tropen-Staat Maranhão. Das Ziel, Gefangene wie Menschen zu behandeln und für ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu sorgen, hat sich bisher nicht durchgesetzt. So werden Kleinkriminelle zu Schwerstkriminellen gesteckt und dann ihrem Schicksal überlassen. Kein Wunder, dass die Gewalt und Kriminalität ein beherrschendes Phänomen der brasilianischen Gesellschaft ist.

Schuld sind natürlich auch unfähige Politiker/innen vom Stile einer Roseana Sarney, die erwiesenermaßen ihre Zeit nicht genutzt hat. Der Blog Marrapá schreibt zur Gouverneurin: "Während die Gefängnisse in Flammen stehe,n werden in Maranhão in dieser Woche die Unternehmen ausgesucht, die die Kühlschränke von Roseana Sarney 2014 füllen dürfen. Die Bestell-Liste der Gouverneurin enthält 80 kg frischen Hummer, eineinhalb Tonnen Krabben und 8 verschiedene Geschmackssorten von Eiscreme. Diese Delikatessen werden sowohl in die offizielle Residenz wie auch in das Strandhaus von Frau Sarney geliefert. Der Staat sieht vor,  1 Millionen R$ (ca. 310.ooo Euro) für den Unterhalt der Familie Sarney und ihre Gäste bis zum Ende des Jahres auszugeben." Man hat ja schließlich andere Sorgen wie ein paar Banditen, die sich gegenseitig umbringen.


Informationsquelle
Crise no Maranhão reafirma incapacidade do país para lidar com a questão carcerária - RBA
Em meio ao caos, Roseana Sarney compra 80 kg de lagosta - Blog Marrapá


Beliebte Beiträge

7 Gründe warum man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte

Journalistin Laura Stefanut von der Webseite “Romania Curata” hat 7 Gründe dafür gefunden, dass man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte. Sie spricht zwar von Einwanderern, aber tatsächlich geht es um Flüchtlinge. Die Situation sieht für diese so aus:

Rumänien ist ein Land, aus dem Millionen Auswanderer nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Es ist aber kein Land, in das man auswandert. Gegenwärtig gibt es etwa 60.000 Einwanderer von außerhalb der EU im Land. Forscher der Sozialwissenschaften warnen, dass Rumänien auf eine schnelle demographischen Überalterung zusteuert, das viele Vorteile aus der Integration von Einwanderern ziehen könnte. Aber trotz aller Warnungen und Forschungen hat der Staat wenig sinnvolles in diese Richtung getan. Vor kurzem gab es Nachrichten über 2 Flüchtlinge, die aus Versehen in Rumänien gelandet waren und anfingen zu weinen als sie merkten, wo sie waren. Leider, das bestätigen die Forschungen, ist Rumänien kein gutes Z…

In Treue fest zum Atom

Der spanische Industrieminister macht es sich leicht. Ein paar Tage vor dem Unglück von Fukushima erklärte er: "Sich vor der Nuklearenergie fürchten ist wie vor der Sonnenfinsternis Angst haben".

María Teresa Domínguez, Sprecherin der Forums der spanischen Atomernergie erzählt 2009 in einem Interview: "Spanien hat 8 Atomkraftwerke, die auf höchstem Weltniveau bezüglich Verfügbarkeit und Betriebsbedingungen operieren." Keine Rede davon, dass die AKW Vandellos und Ascó schon Störfälle auf höchstem Niveau hatten. Frau Domínguez bedauert, dass die Nuklearenergie nur zu 8% zur Energieversorgung Spaniens beiträgt. Deshalb will sie daraufhin arbeiten, dass der spanische Strommix für die Zukunft einen Anteil von 30% an der Landesversorgung bekommt. Keine Angst wegen den Risiken? "Nein, die Risiken sind kontrollierbar. Ich sage das, weil ich Technikerin bin und auf dem Gebiet der Sicherheit der Atomkraftwerke arbeite. Aber das sage nicht nur ich, sondern das ist auch …

Die Betontürme von Barcelona: Auch Betonschrott macht anhänglich

Wer von den höheren Positionen der Collserola auf Barcelona hinunterblickt, dessen Blick bleibt bald an 3 Türmen im Nordosten von Barcelona hängen. Diese drei Türme, die an der Mündung des Flusses Besós ins Meer liegen, gehörten zu einem konventionellen thermischen Kraftwerk, das in den 70er Jahren gebaut worden war. Seit 2011 ist dieses Kraftwerk stillgelegt. Es hatte zuvor kräftig zur Luftverschmutzung in Barcelona beigetragen. Es liegt nicht auf der Gemarkung der Stadt Barcelona, sondern der Vorortgemeinde Sant Adrià.

Drei Türme aus Beton dienten als Kamine über die die Abgase des Kraftwerks abgeleitet wurden. Beim Bau waren sie 90m hoch über den bereits 90m hohen Hochöfen gebaut worden, Es stellte sich heraus, dass in dieser Höhe die Abgase das Stadtklima beeinträchtigten und so wurden sie bis auf 200m erhöht. Sie übertrafen damit die Türme der Kathedrale Sagrada Familia, das Wahrzeichen von Barcelona. Man könnte sich vorstellen, dass ein solches hässliches Bauwerk als Verschande…

Frankreich ekelt sich vor seinen Schlachthöfen und empört sich über Tierquälerei

Massentierhaltung in Frankreich: 83% der Hühner werden in geschlossenen Ställen aufgezogen, 68% der Hennen und 99% der Kaninchen werden in Käfigen gehalten. 95% der Schweine fristen ihr kurzes Leben in geschlossenen Ställen auf Gitterrosten. Die Tiere werden nur als Handelsware gesehen, man verstümmelt sie (Kastration ohne Betäubung, Abschneiden der Schwänze oder der Schnäbel). Ihre Sterblichkeitsrate ist sehr groß, zum Beispiel sterben 20% der Schweine vor ihrer Schlachtung.

Industrielle Massentierhaltung wie in Deutschland auch. Das Tier wird nicht als Lebewesen gesehen, sondern nur als Handelsprodukt. Während in Deutschland die Konsumenten seit einiger Zeit ins Grübeln geraten sind und sich eine Bewegung gegen Massentierhaltung gebildet hat, hat man in Frankreich, das wir als Schlemmerland kennen, bisher beide Augen zugedrückt beziehungsweise die Verbraucher wollten nicht so genau wissen wie das Fleisch auf ihrem Teller gelandet ist. Zwar hat sich seit einiger Zeit ein…

Der Generalkonsul mit Nazi-Vergangenheit, dessen Sohn mit internationalem Haftbefehl gesucht wird

Hans Hoffmann, mit Spitznamen “Juanito” oder “Don Juan”, war Generalkonsul in Málaga. Kein echter Berufskonsul, sondern ehrenhalber. Nicht nur Honorarkonsul, sondern Honorargeneralkonsul, wobei er gegen schwere Bedenken des Auswärtigen Amtes darauf bestand nur “Generalkonsul” genannt zu werden. Ganz früher war er zur Nazizeit an der deutschen Botschaft in Madrid tätig. Er kannte sich bestens im Land des Diktators Franco aus und war mit einigen Größen des Francoregimes befreundet. Spanische Medien haben inzwischen herausgefunden, dass Hoffmann an der Botschaft als Gestapo-Agent tätig war. Er soll auch bei Treffen zwischen Hitler und Franco gedolmetscht haben.Er ist 1998 gestorben.

Nach dem Krieg zog er an die Costa del Sol, wo er deutschen Nazis als Fluchthelfer gedient haben soll. In den 50er Jahren machte er die Bekanntschaft von Franz-Josef Strauß, der in Deutschland eine steile Politikerkarriere hinlegte. Strauß sorgte dafür, dass Hofmann sogenannter Wahlkonsul in Algec…

Frankreich erfindet den Zahnarzt–Aldi

Die Großzügigkeit der französischen Krankenkassen bei Erstattung von Zahnarztkosten hält sich in Grenzen. In der Regel können Versicherte mit etwa 70% erstatteter Kosten rechnen, d.h. 30% muss selbst getragen werden. Die Zahnärzte sind jedoch oft mit den Tarif-Honoraren nicht zufrieden. Sie verlangen Aufschläge, die ebenfalls an den Versicherten hängen bleiben. Gerade dieser Aufschlag scheint in letzter Zeit bei den Zahnärzten in Frankreich sehr beliebt geworden zu sein. In einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit steigt und auch viele Franzosen mit dem wirtschaftlichen Überleben kämpfen, verursacht der Gang zum Zahnarzt wegen Zahnschmerzen den Betroffenen zusätzlich noch Bauchschmerzen wegen der finanziellen Belastung.

Frankreich hat zwar den Lebensmittel-Discounter nicht erfunden, darin sind die Deutschen wohl Weltmeister, aber in anderen Bereichen haben die Franzosen durchaus den Ehrgeiz zur durchgreifenden Rationalisierung, um die Preise zu senken. Besonders offensichtlich ist das…