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Bürgerzorn entlädt sich in der kastilischen Provinz

Die Stadt Burgos im spanischen Kastilien machte bisher keine Schlagzeilen weder in der Welt noch in Spanien. Die konservative Stadt mit 180.000 Einwohnern dämmerte so vor sich hin, es passierte nicht viel, vor allem nichts besonders bemerkenswertes. Kein Wunder, dass man in Spanien jetzt verwundert die Augen reibt, weil es seit Freitag an mehreren Tagen zu einer richtigen Gewaltexplosion im Vorort Gamonal von Burgos kam. Bus-Wartehäuschen, Müll-Container und zwei Bankfilialen wurden zerstört bzw. angegriffen. Die Polizei musste einschreiten, es kam zu Straßenschlachten, 23 Personen wurden festgenommen, es gab 12 leicht Verletzte. Gestern Abend zog eine Menge von etwa 500 Personen vom Jugendlichen bis zum 70-Jährigen zur Polizei und verlangte die Freilassung der Festgenommenen.

Gamonal ist das Arbeiterviertel von Burgos. Zur Franco-Zeit entstand hier ein großes Industrie- und Gewerbegebiet. In den großen und eng stehenden Wohnblocks wohnen ungefähr 70.000 Menschen. Es ist der am dichtesten besiedelte Stadtteil von Burgos. Der Journalist Ignacio Escobar beschreibt, was das bedeutet: "Die Hauptstraße von Gamonal, die Calle Vitoria, verbindet das Viertel mit dem Stadtzentrum. Nachts gibt es ein eingespieltes System des Parkens in doppelter Reihe. Die Bewohner organisieren das unter sich, entsprechend einem Stundenplan, indem sie ihre Autos ohne angelegte Handbremse abstellen. Das Viertel ist dicht bebaut und hat keine Parkplätze. Als es gebaut wurde, hatten die Arbeiter noch keine Autos. Heute ist in Gamonal die Arbeitslosigkeit steil angestiegen und es ist das Viertel von Burgos, wo man die Wirtschaftskrise mit den Händen greifen kann und wo die Menschen leben, die am stärksten von der wirtschaftlichen Misere betroffen sind."

Eben diese Straße mit dem ausgeklügelten Parksystem, wollte die Stadt nun in einen Boulevard umbauen und trat damit die gewalttätigen Proteste der vergangenen Tage los. Die Gründe für den Zorn liegen tief. Ignacio Escobar kennt die Gründe: "Burgos ist die Stadt mit den teuersten Wohnungen in Spanien. Auf den ersten Blick kann man das nicht erklären. Burgos ist keine große Stadt. Es gibt auch keine natürliche Barrieren für seine Ausweitung, weder Berge noch Meer. Die Stadt liegt in einer weiten Ebene. Es gab auch keine besondere wirtschaftliche Entwicklung. Es ist eine konservative Stadt, in der sich nie etwas zu ereignen schien, abgesehen von dem offensichtlichen Fluch, dass die Jugendlichen gezwungen waren, abzuhauen. Ich kenne das, ich bin selbst in Burgos geboren. Heute lebe ich wie viele meiner Schulgenossen aus früheren Zeiten in Madrid". Für Escolar gibt es deshalb nur einen Grund für die teuren Wohnungen: Die Korruption in den Baubehörden. Ein Bauunternehmer mit Namen Michel Mendez Pozo ist der heimliche Herrscher in der Stadtverwaltung, wo er "el jefe" (der Chef) genannt wird. Er ist nicht nur Bauunternehmer, sondern auch Eigentümer der die Stadt dominierenden Zeitung "El Diario de Burgos".


1992 wurde besagter Unternehmer wegen Korruption zu mehr als 7 Jahren Gefängnis verurteilt, musste davon aber nur 9 Monate absitzen. Die Gefängnisstrafe schädigte seine Geschäfte nicht, er vermehrte im Gegenteil seine Reichtümer. Er kaufte noch eigene Provinzzeitungen auf und mit deren Hilfe konnte seine Tätigkeit hinter den Kulissen vertuscht werden. Besagter Unternehmer plante und hatte den Auftrag zum Projekt in Gamonal. So dachte man, werde die Straße problemlos in einen Boulevard umgewandelt werden können. Das bedeutet aber, dass die Straße nur noch 2 Fahrspuren haben wird und kein Raum fürs Parken bleiben wird. Zum Projekt gehört auch der Bau von Parkhäusern. Und obwohl dies für den unbedarften Beobarchter zu einer Verbesserung der Lebensqualität in ihrem Viertel beitragen würde, gehen die Anwohner auf die Barrikaden. Sie wissen nämlich dann nicht mehr wohin mit ihren Autos. Die neuen Stellplätze sollen nämlich 19.800 Euro für eine Nutzungszeit von 40 Jahren kosten. Eine Summe, die für den überwiegenden Teil der  Bewohner nicht bezahlbar ist.

Die ersten Unruhen glaubte die Stadt durch Totschweigen übergehen zu können. Die Presse des Baulöwen sorgte dafür,  dass keine Öffentlichkeit entstand. Ignacio Escolar schreibt dazu: "Das Schweigen der Zeitungen brachte diesmal nicht den gewünschten Effekt. Die Stadtverwaltung hatte eine fundamentale Sache vergessen: Jetzt gibt es das Internet und die sozialen Netzwerke, wo es sehr schwierig ist, die Informationen zu kontrollieren".

Die Zeitung El Pais berichtet: "Ganz Gamonal ist wütend. Die "Calle Vitoria" ist gesperrt seit Samstag, an dem die Arbeiten begonnen haben. Das Bauvorhaben ist Thema jedes Gesprächs. Es reicht durch die Straßen dieses Arbeiterviertels mit den hohen Wohnblocks zu gehen, um den Unmut der Bewohner von Burgos zu hören. Alle wollen etwas sagen. Alle wollen auf etwas hinweisen. Aber fast niemand traut sich, seinen Namen zu nennen. "Wir haben Angst vor der Polizei. Sie überwachen uns. Gestern haben sie bei der Demo auf uns gezeigt und sie sagten uns "wir haben dich gesehen, wir kennen dich und wir werden dich verhaften", erklärte eine arbeitslose junge Frau von 35 Jahren. Und in der Tat, während eine Gruppe von 50 Personen sich trifft, um die Proteste zu besprechen,  nähert sich ein Polizeiauto der Nationalpolizei und hält an. Die Beamten beobachten die Gruppe und machen Fotos. "Das siehst du es", meint einer der Anwesenden, "wir sind ein Volk und sie kennen uns alle"."

Spaniens Bürger wehren sich. Das bisherige Ducken vor der Obrigkeit ist löst sich auf und die Jugend hat alternative Möglichkeiten, sich zu informieren und ihre Proteste zu formulieren. Das Land wird noch unruhige Zeiten erleben, wenn die Wirtschaftskrise und das autoritäre Gehabe der Regierenden sich nicht bald bessern werden.

Informationsquelle
Qué está pasando en Burgos - eldiario.es
Cólera vecinal contra un bulevar - El Pais

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